Morning over the bay

Ein Ruf zur selbstlosen Liebe

von Meister Eckhart

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Meister Eckhart ist in den letzten Jahren mehr und mehr bekannt gemacht worden als ein Mystiker und Heiliger der mit seiner „Spiritualität“ in den Kreis der „Wohlfühl Religion“ gehört, die keine Ansprüche stellt. Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein. Dag Hammarskjöld sagte einmal, dass Meister Eckharts eigentliche Botschaft uns zu selbstlosen Dienen ruft. Zu seinen Lebzeiten war er anscheinend eher ein Mann der Tat als der Kontemplation. Um das Jahr 1260 in Thüringen geboren trat er schon in jungen Jahren in den Orden der Dominikaner ein. Viele seiner Schriften entstanden, als er für 47 Klöster verantwortlich war, die von Nord- und Mitteldeutschland bis in die heutigen Niederlande und im Osten bis Lettland weit verstreut lagen. Es war ihm ein Anliegen, durch eindringliche und originelle Predigten die einfachen Leute zu einem Leben der Nachfolge Christi zu ermutigen. Seine Schriften lassen Meister Eckharts tiefe Jesus-Liebe durchscheinen. In diesem Sinne und keinem anderen, war er tatsächlich ein Mystiker. Seine bodenständige Weisheit kann uns auch heute auf unserem Weg der Nachfolge die Richtung weisen.

Die Morgendämmerung der Seele

Wenn Gott in dich eintreten soll, dann muss die menschliche oder tierische Natur aus dir ausziehen. Wo diese Natur endet, beginnt Gott.

Selbstliebe ist die Wurzel und der Grund allen Übels; sie reißt alles hinweg was gut und vollkommen ist. Deswegen muss die Seele, wenn sie Gott kennen will, sich selbst vergessen und sich selbst verlieren. Denn so lange wie sie sich selbst sieht, wird sie Gott nicht sehen und wahrnehmen können.

Wenn sie sich aber um Gottes Willen selbst verliert und alle Dinge hinter sich lässt, dann findet sie sich wieder in Gott, weil Gott in ihr aufgeht wie die Morgenröte – und nur dann erkennt sich die Seele selbst und alle Dinge in Gott; erst nachdem sie sich selbst völlig von allem gelöst hat.

Siehe, manchmal ist es befremdlich, wenn sich dein Herz wachgerüttelt und von der Welt abgeschreckt fühlt: das kommt ganz einfach durch die Gnade, die deine Seele erhebt; denn wenn die Seele göttlich werden soll, dann muss sie über sich selbst hinausgehoben werden.

Lernen Gottes Willen zu wollen

Nichts macht einen Menschen mehr zu einem wahren Menschen, als wenn er seinen eigenen Willen aufgeben kann. Der einzige vollkommene und wahre Wille entsteht, wenn wir in Gottes Willen eingehen und ohne Selbstwillen sind. Die Vollkommenheit des menschlichen Willens besteht darin, in Harmonie mit dem göttlichen Willen zu sein, indem wir nur wollen, was Gott will und den Weg, den er dafür wählt, annehmen.

Als der Engel Maria erschien, gab es nichts was sie je hätte tun können um die Mutter Gottes zu werden; aber im gleichen Moment als sie ihren eigenen Willen aufgab, wurde sie die Mutter des ewigen Wortes und empfing Gott in dieser Stunde.

Gott hat sich noch nie einem fremden Willen gegeben, und er wird das auch nie tun. Nur wo er seinen eigenen Willen findet, wird er sich selbst mitteilen und bleiben, mit allem was er ist.

Gott wird taub wenn wir Tag und Nacht rufen “Herr, dein Wille geschehe.” Und dann, wenn Gottes Wille geschieht, sind wir entrüstet und mögen es überhaupt nicht. Wenn unser Wille Gottes Wille wird ist das gewiss gut; aber wieviel besser wäre es, wenn Gottes Wille zu unserem Willen wird …

Jeder der durch die Gnade Gottes seinen Willen völlig und ganz mit Gottes Willen vereint, braucht in seinem inbrünstigen Verlangen nur zu sagen: „Herr, zeige mir was dein innigster Wille ist und gib mir die Kraft ihn zu erfüllen!“ Und Gott wird das tun, so wahr er lebt, und zwar vollkommen und überfließend.

Niemand muss denken, dass dies unmöglich zu erreichen ist, denn es ist Gott, der dies tut. Manche sagen vielleicht, dass sie das nicht haben. Ihnen kann ich nur sagen, dass sie mir leid tun. Wenn du allerdings noch nicht einmal danach verlangst, dann tust du mir noch mehr leid. Wenn du es nicht hast, dann verlange wenigstens danach! Und wenn du selbst das Verlangen nicht hast, dann sehne dich doch wenigstens nach diesem Verlangen!

Nachfolge und Tugend

Vollkommene Tugendhaftigkeit ist ohne Kampf nicht möglich. Es ist einfach, Tugenden vorzuführen und zu beschreiben; sie aber tatsächlich zu besitzen ist sehr selten.

Gute Tugenden und Werte bilden sich nur durch regelmäßige Wiederholung einzelner Taten. Auf diese Weise werden Werte von selbst in die Tat umgesetzt und aus Liebe zum Guten, ohne Warum zu fragen; und nur auf diese Weise, und nicht vorher, erlangt man vollkommene Tugendhaftigkeit.

Unterdessen muss man innerlich immer weiter wachsen und zu aller Zeit und unaufhörlich Fortschritte machen – und damit wird man nie zu Ende kommen.

Wir dürfen nie zufrieden sein, mit dem, was wir erreicht haben, nie still stehen. In diesem Leben gibt es keinen Stillstand. Jeder, der den Teufel überwinden und Wunder ohne Irreführung erleben will, muss im täglichen Kampf gegen die Sünde, mit der der Teufel uns besiegen will, durchhalten und in Geduld die Widrigkeiten des Lebens aushalten.

Der Weg

Deswegen lass einen Menschen seinen Willen nur auf Gott richten in allem was er tut und nur Gott vor Augen haben. Dann soll er seinen Weg ruhig gehen und keine Angst und Zweifel haben, ob er auf dem richtigen Weg ist oder irgendetwas Falsches tut. Wenn eine Person eine bestimmte Entfernung zurücklegen will und erst bedenkt, wie sie ihren Fuß setzen soll, so würde sie nie das Ziel erreichen.

Deswegen sollte man einfach der Richtung folgen. Auf diese Weise kommt man zum Ziel, und das ist gut.


Meister Eckhart – übertragen aus einer englischen Zusammenfassung.

Path on a misty morning
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