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Ohne Worte

von Kristen Kurtz

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Ihre Augen leuchten auf, als sie das Kreuz auf meinem Ring entdeckt. Sie gibt mir ein Daumen-hoch, lässt ein Lächeln aufblitzen, das schwarze Zahnstümpfe erblicken lässt, und deutet auf sich hin. „Ich auch!“ Nur sie muss es gar nicht sagen. Sie weiß, dass ich verstehe.

Wir haben keine gemeinsame Sprache. Ich kenne ihren Namen nicht. Ich weiß weder wo sie herkommt noch wie alt sie ist. Sie ist einfach eins von den vielen Kindern, die um einen Tisch in Eisenberg, Thüringen sitzen und zusammengeknüllte Zeitungspapierbälle mit bunter Wolle umwickeln. Sie ist anonym, ein Name oder eine Nummer irgendwo in dem deutschen bürokratischen System, aber wir sind miteinander verbunden.

Diesmal war es ein Schmuckstück, das mich verriet, aber sagt Jesus nicht, dass die Welt uns als seine Jünger durch unsere Liebe zueinander erkennen wird? Sollte es nicht deutlicher sein, sogar ohne Ring?

Am 19. April ertranken 400 Menschen im Mittelmeer bei der Flucht nach Europa, das „Gelobte Land“. Was soll ich dagegen tun? Gestern war es hunderte und morgen wird es vielleicht mehrere hunderte von Toten geben. Was hat das mit mir zu tun? Diese Menschen verlassen ihre Heimat aus Gründen, die nichts mit meinem Leben zu tun haben: Krieg, Armut, Verfolgung….

Ein Fahrweg von zehn Minuten von mir entfernt, ein bisschen näher als (das ferne) Lampedusa, wohnen 700 von diesen Flüchtlingen dicht gedrängt in einem Komplex, der eigentlich nur 500 behausen soll. Jeden Tag empfängt die Thüringer Landesaufnahmestelle Eisenberg dutzende Flüchtlinge frisch aus Syrien, Afghanistan, Eritrea und anderen notleidenden Nationen. Unter diesen Dutzenden sind eine Anzahl Kinder, die Europa trotz unvorstellbarer Nöte erreicht haben. Familien leben in beengten Bedingungen. Einige bewohnen sogar das Gebäude, das einst die Spielräume für Kinder enthielt.

Erwachsene stehen gruppenweise auf dem Hof und rauchen. Große Schilder an den unteren Fenstern untersagen das Spielen mit Fußbällen draußen: Wer möchte wohl in einem Zimmer mit eingeschlagenen Fenster wohnen? Menschen stehen vor dem Kleiderspeichercontainer und warten. Während sie warten, zerreißen einige die eigenen Schuhe in der Hoffnung, neue zu bekommen. …Und Jesus sagt, wir sollen sie lieben?

Ja, liebe sie! Was ist ein Paar Turnschuhe angesichts dessen, was verloren worden ist? Job, Geld, Zuhause, Familie, Frau, Kinder. Genommen als Zahlung an Militante, an Menschenhändler. Als Vergütung für das hungrige Meer.

Aber wie soll ich sie lieben?

Jesus antwortet: „Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“

So sitze ich hier mit Leim und klebrigen Stücken rosa Wolle, die meine Finger zusammenkleben. Meine neue Freundin sitzt neben mir. Bälle aus Zeitungspapier und Wolle sind nur erbärmliche Tropfen auf dem heißen Stein von dem, was sie wirklich braucht – sie braucht ein Zuhause. Das kann ich ihr nicht geben, aber das ist egal, weil ich ein Lächeln und eine Freundin gewonnen habe – und alles ohne Worte.


Kristen Kurtz (23) ist Mitglied des Bruderhofs und wohnt in der Holzlandgemeinschaft nahe Jena, wo sie studiert.

Photo: UK Department for International Development

A girl from Syria in a refugee center looks up smiling at a caregiver.
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