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Meine persönliche Flüchtlingspolitik

von Martin Boller

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Seit Monaten wird in Deutschland und überall in Europa heftig diskutiert und um eine Lösung gerungen. Und seit Monaten geht es nur um die Frage, wer die richtige oder bessere Flüchtlingspolitik betreibt. Streit, Ärger und Chaos in der politischen Welt. Manche wollen ein „Ende der Willkommenskultur“, manche europäischen Länder im­plementieren eigene Maßnahmen wie strenge Grenzkontrollen, Quoten oder Zäune, währ­end andere die Krise als ein globales Prob­lem bezeichnen, das mehr Soli­darität fordert. Es wird deutlich: Deutsch­land, der Rest Europas und die Welt befinden sich mitten in einer Krise, und eine Lösung scheint noch in weiter Ferne.

Währenddessen befinden sich tau­sende Ge­­flüchtete schon im deutschen Alltag. Hier versuchen sie mit ihrem neuen Zuhause klar zu kommen und sich wohlzufühlen. Die Frage an uns Christen ist: Was ist eigentlich unsere Aufgabe gegenüber diesen Menschen, diesen „Fremdlingen“? Wie sollen wir ihnen begegnen? Die Bibel kennt eine Will­kom­menskultur, die eine gute Antwort auf solche Fragen darstellt: „Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Ein­heimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst.“ (Lev. 19, 33-34) Diese Liebe ist viel weniger eine emotionale oder gefühlsorientierte Sache als eine Ein­stellung, die im täglichen Leben in einfachen Taten ganz praktisch umsetzbar ist, denke ich.

Die vielen „Fremdlinge“ gehören mittlerweile zu unserem Alltag, ob auf der Straße, in der Schule oder beim Einkaufen. Zumindest für mich sind solche Begegnungen zur Normalität geworden. Zurzeit bietet meine Berufsschule Deutschkurse für Einwanderer an. Auf der einen Seite scheint es mir oft so, als ob unter den Mitschülern ein Ende der Will­kommenskultur bereits erreicht wurde. Auf der anderen Seite möchte ich, wenn möglich, zum Gelingen der Willkommenskultur beitragen. Ich weiß: Was ich mache, wird weder zum Ende des Krieges in Syrien beitragen, noch das Leiden und Sterben im Mittelmeer stoppen oder Obdachlosen ein Dach über dem Kopf geben. Aber, wie ein bekannter Spruch aus den politisch und sozial turbulenten 60er Jahren lautet: „Wenn du nicht Teil der Lösung bist, bist du Teil des Problems“. Das Wenige also, was ich im Alltag tun kann, möchte ich auch tun: Freundschaft anbieten. Das ist meine persönliche Flüchtlingspolitik.

„Wir müssen ler­­nen, die Men­schen weniger auf das, was sie tun und un­­ter­­lassen, als auf das, was sie er­­lei­­den, an­­zu­­sehen.“
– Dietrich Bonhoeffer

Seit einem dreiviertel Jahr besuchen ich und mein WG-Mitbewohner regelmäßig zwei Flüchtlingsheime in unserer Nähe. Dort sind Männer und Jugendliche untergebracht, die vor Gewalt und Krieg in ihrer Heimat geflohen sind. Manche wurden von ihrer Familie geschickt, in der Hoffnung, dass wenigstens einer überlebt. Oft leben sie in Sorge um die zurückgebliebenen Familienangehörigen. Viele warten monatelang auf ihre Anhörung im Rahmen des Asylverfahrens und leben in der Angst vor einer plötzlichen Abschiebung. Natürlich sind diese Menschen keine Heiligen, und Herausforderungen gibt es genügend in den Unterkünften. Das Zusammentreffen oft so verschiedener Kulturen auf engstem Raum ist keine schöne Urlaubsreise. Verzweiflung ist oft spürbar.

Auch die Ungewissheit über ihre Zukunft ist groß. Aber groß ist auch ihre Bereitschaft, ihre Tür für andere zu öffnen. Schon bei unserem ersten unangekündigten Besuch hat mich die selbstverständliche und unkomplizierte Gastfreundschaft tief berührt. Beim Betreten des Heimes grüßten sie uns wie alte Bekannte. Innerhalb weniger Minuten waren wir in deutsch-englisch-kauderwelsch Gespräche vertieft. Während der letzten Monate haben sich durch gemeinsames Pizzabacken, Deutschlernen und Fußballspielen echte Freundschaften entwickelt.

Eine ähnliche Erfahrung machte ich vor einigen Wochen, als mein Bruder einen afghanischen Freund zu uns nach Hause einlud. Dieser Freund brachte zwei seiner Freunde mit und wir haben für etwa vier Stunden afghanisch gekocht. Ergebnis: Genug Reis um an diesem Abend zwanzig Leute satt zu kriegen und für mehrere weitere Mahlzeiten! Trotz großer sprachlicher und kultureller Unterschiede hat uns das gemeinsame Kochen und Essen zu Freunden gemacht.

Ich habe gelernt, dass ganz profane Sachen wie Kochen, Deutschlernen, oder Fußballspielen können Menschen unterschiedlicher Kulturen und Hintergründe verbinden. Natürlich ist das alles nur ein Tröpfchen im großen Meer. Aber ohne solche unauffälligen kleinen Beiträge wird sich in dieser europäischen „Flüchtlingskrise“ nichts ändern. Mit solchen Beiträgen jedoch wird eine Willkommenskultur gelingen. Wir haben alle die Wahl: Entweder immer meckern und diskutieren oder etwas beitragen. Wie das afrikanischen Sprichwort es ausdrückt: „Viele kleine Leute, an vielen Orten, die viele kleine Dinge tun, können das Gesicht der Welt verändern.“


Martin Boller lernt in Bayern und ist Mitglied der Holzland-Bruderhofgemeinschaft nahe Jena.

Picture of Martin Boller and Friend Der Autor mit Sher, einem Studenten aus Afghanistan.
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