An old woman reading the Bible, painted by Cornelis Bisschop

Zurück zur Bibel?

von Charles E. Moore

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Schon mal einen Bibel-Prügler getroffen ? Ich schon. Bei meiner ersten Begegnung dieser Art, war ich gerade auf dem Weg zu meiner Geschichts-Vorlesung und spät dran, als ich bemerkte, wie ein Freund, ebenfalls verspätet, von einem richtigen christlichen Eiferer bedrängt wurde. Mein Freund machte den Eindruck, als würde er mit einer Bibel verprügelt. Als ich näher kam, merkte ich, dass genau das der Fall war: „Weißt du nicht, dass die Bibel sagt, du musst wiedergeboren sein?” Zack! „Jesus sagte: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.” Rums!

Ich liebe die Bibel, aber es macht mich wütend, wenn sie wie eine Keule benutzt wird. Ich habe schon viel zu viele Christen getroffen, die die Bibel in- und auswendig kennen, aber mit ihr umgehen, als sei sie ein religiöses Steckenpferd; sie reiten drauf rum, aber sie leben nicht danach. Auch wenn sie die modernen Götzen bekämpfen, von denen es viele gibt, laden diese guten Christen eine noch größere Schuld auf sich: Bibelvergötzung – sie verehren die Bibel mehr als ihren Urheber! Ob wir das Fundamentalismus nennen wollen oder nicht, diese Leute verwenden die Bibel in Fernsehansprachen, im Radio oder auf der Kanzel wie einen Vorschlaghammer, nicht wie das göttliche Geschenk, das sie wirklich ist.

Es macht einem Angst, wenn die Bibel als Keule benutzt wird, aber dasselbe gilt, wenn jemand keinen guten Faden an der Bibel lässt. Auch diese Leute benutzen die Bibel zu ihren eigenen Zwecken. Anstatt andere Leute damit zu attackieren, geben sie sich größte Mühe, die Bibel auseinander zu nehmen und neu zusammenzusetzen, sie zu sezieren und dekonstruieren. Nach Ansicht dieser Leute muss die Bibel aus einer verknöcherten, archaischen Hülle kultureller Vorurteile, unwissenschaftlicher Annahmen und patriarchaler, homophober Tendenzen befreit werden. Für sie enthält die Bibel vielleicht ein bisschen Licht, aber sie kann nicht mehr als Grundlage unseres Glaubens betrachtet werden. Sie muss nach den Normen beurteilt werden, die heute als relevant angesehen werden.

Diese „befreiten“ Ansätze führen zu neuen, „besseren“ Interpretationen: Paulus war homosexuell, Maria eine Prostituierte und Jesus ein wandernder Kyniker oder Mystiker, genau wie viele andere religiöse Lehrer im Mittelmeerraum zu dieser Zeit. Behauptungen bezüglich richtig und falsch sind relativ zu verstehen. Überhaupt, was wirklich zählt ist Liebe, so spricht der aufgeklärte Liberale. Anders ausgedrückt verfügen weder Jesus noch die Bibel über irgendwelche wirkliche Autorität. Unsere Logik und unsere Wertemuster übertreffen alles andere.

Was Bibel-Prügler und Bibel-Uminterpretierer gleichermaßen nicht verstehen ist, dass die Heilige Schrift weder ein Supermarkt der Wahrheiten ist, noch ein Feedback-Geber für unsere Ideen, seien sie christlich oder nicht. Die Bibel erzählt von Gottes Schreiten durch die Geschichte, wie er unsere verdrehte und verkorkste Welt neu erschafft und neu ausrichtet. Sie erzählt Gottes Geschichte, damit auch unser kaputtes Leben neu ausgerichtet werden kann, damit etwas Neues von oben hier unten auf Erden geschehen kann.

Deshalb hat Jesus das Alte Testament so in Ehren gehalten – und jedes seiner Worte erfüllt (Matth. 5,17). Und deshalb schreibt der Apostel Paulus, dass die Heilige Schrift „uns Weisheit verleiht, damit wir gerettet werden” und uns „ausrüstet zu jedem guten Werk” (2.Tim. 3,15-17). In den und durch die Seiten der Bibel sucht Gottes Geist immer wieder Neues zu schaffen.

Leider lesen viele von uns die Bibel und nicken nur zustimmend mit dem Kopf. Wir wollen Information, aber keine Transformation. Wenn wir so handeln, dann sperren wir Jesus entweder zwischen den Seiten der Bibel ein oder werfen ihn aus der Geschichte Gottes ganz hinaus und machen aus ihm eine Gestalt nach unseren eigenen Vorstellungen, und dann preisen und verkünden wir unsere Spiritualität oder unser Christentum „Marke Eigenbau“. In beiden Fällen ist Christus nicht mehr Herr – er kann nicht sprechen, er hat keine „Worte des ewigen Lebens”, er kann in dieser Welt nicht mehr handeln, um sie zu verwandeln.

Søren Kierkegaard schrieb einmal: „Was ist das Neue Testament? Ein Handbuch für diejenigen, die geopfert werden sollen.” Solange wir unseren menschlichen Impulsen folgen, wollen wir das nicht. Wir wollen unser Leben sicher und selbstbestimmt leben. Wir haben lieber „biblische Einsichten” und „geistliche Inspiration” als das Schwert des Geistes, das schneidet, schuldig spricht und reinigt. Um noch einmal Kierkegaard zu zitieren:

Wir sind Experten darin geworden, eine Ebene nach der anderen, eine Interpretation nach der anderen, zwischen das Wort und unser Leben zu schieben – ungefähr so, wie ein Junge, der den Hintern versohlt kriegen soll, sich eine oder mehrere Lappen in die Hose schiebt. Dann lassen wir zu, dass diese raffinierte Beschäftigung eine solche Tiefsinnigkeit erreicht, dass wir überhaupt nicht mehr dazu kommen, unser Leben zu betrachten und zu reflektieren. All dies ist nichts anderes als eine Verteidigung gegen Gottes Wort.

Ein Teil des Problems liegt in unserer Herangehensweise an die Bibel, dass wir annehmen, sie sei eine Art göttliches Frage- und Antwortbuch. Aber wie der französische Sozialphilosoph Jacques Ellul sagt, geht es in der Bibel weniger um Antworten als vielmehr um Fragen. „Glauben heißt, dass wir Gottes Fragen beherzigen und bei den Antworten, die wir geben müssen, uns selbst zu riskieren.” Mit anderen Worten: Der Gott der Bibel ist ein Gott, der uns Fragen stellt. Ob wir Bibelkenner sind oder postmoderne Dekonstruktivisten – wir stehen alle im Dunkeln; nicht, weil wir keine Antworten haben, sondern weil Gott uns zur Rechenschaft zieht und wir lieber wegrennen und uns verstecken würden!

In ersten Seiten des 1. Buch Mose ist Gott nicht nur der Schöpfer und Herrscher, sondern er stellt Fragen: „Wo bist du? Wer hat dir das gesagt …? Was hast du getan? Warum bist du wütend? Wo ist dein erschlagener Bruder?” Gott stellt uns noch immer Fragen. Werden wir antworten? Sind wir bereit, Rechenschaft zu geben? Wenn wir die Bibel nicht mit der Bereitschaft zur Hand nehmen, uns Fragen stellen zu lassen, unsere Annahmen, Normen und Erfahrungen verändern zu lassen und, ja, auch „richten“ zu lassen, werden wir seine unergründliche, befreiende Macht nicht kennen lernen.

Wenn wir zur Bibel zurückkehren wollen, dann müssen wir den ganzen Weg zu Gott selbst zurückkehren. Vom Anfang der Bibel an, wo Gott befiehlt, „Es werde Licht,” bis zu den Schlussworten der Offenbarung , „Ja, ich komme bald,” spricht Gott über etwas das geschieht oder geschehen wird. Sind wir bereit? Denn schließlich, was hilft uns die Bibel, wenn Gott nicht handelt?

An old woman reading the Bible, painted by Cornelis Bisschop
Von photo of Charles Moore Charles E. Moore

Charles E. Moore ist Buchautor und schreibt regelmäßig für Plough. Er ist Mitglied des Bruderhofes, einer internationalen Lebensgemeinschaft auf der Grundlage der Bergpredigt.

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