White clouds in a blue sky

Wo jeder Kriegsveteran Heilung finden kann

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Der 11. November ist in den USA und in England, das was in Deutschland der Volkstrauertag ist: ein Gedenktag zum Ende des 1.Weltkrieges vor nun 95 Jahren. Viele Nationen gedenken in dieser Zeit der Opfer aller Kriege, die seither stattgefunden haben.

In jeder Gesellschaft gibt es Männer und Frauen, die Krieg am eigenen Leib erfahren haben. Sie tragen verborgene Wunden und schreckliche Erinnerungen verfolgen sie bis ins Grab. Es gibt aber auch solche, die den schweren Weg von Schuld zur Heilung gefunden haben – ein Geschenk, das ihrer Überzeugung nach jeder Veteran finden kann.

George Zabelka war einer von ihnen. Als katholischer Militärseelsorger war er im August 1945 auf der Insel Tinian stationiert, als er jener Einheit seinen Segen gab, die die Atombombe auf Hiroshima und Nagasaki abwarfen. Jahrzehnte später nahm er dazu Stellung:

„Letztes Jahr habe ich die Hibakushas (die Überlebenden der Atombombe) in Japan um Vergebung gebeten, während einer Pilgerreise, die ich mit einer Gruppe von Tokio nach Hiroshima machte … Nachdem wir Blumen vor dem Friedens-Schrein niedergelegt hatten fiel ich auf mein Angesicht und betete dann um Vergebung – für mich, für mein Land, für meine Kirche … Ich bat um Vergebung und sie baten um Vergebung für Pearl Harbor und einige der Gräueltaten, die das japanische Militär begangen hatte, und die gab es auch und ich wusste darum. Wir haben uns umarmt. Wir haben geweint. Tränen sind geflossen. Das ist der erste Schritt zur Versöhnung – das Zugeständnis von Schuld und Vergebung.“

Carroll King hätte einer der jungen Männer sein können, die damals der Seelsorge von George Zabelka anvertraut waren. Zwei Tage vor seinem 18. Geburtstag meldete er sich 1942 freiwillig zur U.S. Air Force und im Juni 1944 flog er B-24 Bomber in der 15. Air Force Division in Süditalien. Seine Einheit flog Bombenangriffe bis direkt zum Kriegsende. Sie bombardierten Städte, Fabriken, Verkehrswege und feindliche Truppen. Um ihn herum wurden Flugzeuge abgeschossen, aber Carroll überlebte, obwohl seine Erlebnisse ihn nie losließen.

“Ich hasste die Nazis und drückte das aus indem ich von meiner B-24 Tod und Zerstörung auf Deutschland und die von Deutschland besetzten Gebiete und Städte regnen ließ,“ erinnert sich Carroll. Einmal, als sie einen Angriff abbrechen mussten, warfen sie die noch übrigen Bomben auf ein Herrschaftshaus in Österreich ab, völlig gleichgültig dem Leid und Schmerz unschuldiger Menschen gegenüber.

Nach dem Kriegsende in Europa, wurde Carroll in die USA zurückbeordert um dort für B-29 Einsätze im Pazifik ausgebildet zu werden. Auf dem Schiff, das ihn in seine Heimat zurückbringen sollte, wurde er mit den menschlichen Wracks konfrontiert, die der Krieg zurückließ: Männer ohne Augen, Arme und Beine oder entstellt durch Verbrennungen und Narben. Er war schockiert und versuchte sich um diese Männer zu kümmern; er traf jedoch auf eine Wand von Bitterkeit und Sprachlosigkeit.

Der Abwurf der Atombombe auf Hiroshima und Nagasaki brachte den Krieg im Pazifik zu einem plötzlichen Ende und Carroll konnte nach Hause zurückkehren, besuchte eine Hochschule und heiratete. Er versuchte weiterzuleben wie bisher, aber die Schrecken des Krieges ließen ihn nicht los. Es war allerdings erst viele Jahre später, dass ihn sein eigene Rolle, die er in diesem Gewaltexzess aktiv gespielt hatte, tief traf. Seine Taten und Erlebnisse wurden ihm mit grellster Klarheit bewusst und er musste an das bekannte Rembrandt Gemälde von der Kreuzigung denken, in dem sich der Künstler selbst als einen der Henkersknechte darstellt. Als er das Gemälde zum ersten Mal sah, erschien ihm dieses Detail lächerlich, aber jetzt verstand er es: Der Krieg, das bin ich, das ist nicht Vergangenheit, nicht die Welt im Großen und Ganzen.

Er ging zu einem Seelsorger und schüttete alle seine Erinnerungen und Schuldgefühle vor ihm aus. Plötzlich fühlte er einen inneren Frieden wie noch nie zuvor.

„Ich hatte Erinnerungsstücke aus dem Krieg: Souvenirs, Fotos von den Bomben, den Angriffszielen – so wie fast jeder sie gesammelt hat. Fotos von meiner Uniform. Ich habe sie alle zerrissen. Ich habe alles in den Müll geworfen, was irgendwie mit dem Militär zu tun hatte. Ich bin meine Uniform und Medaillen losgeworden. In dieser Weise habe ich meinen Entschluss ausgedrückt nie wieder in einem Krieg zu kämpfen …

Ich wünschte ich könnte alle die Menschen zurückbringen, die ich getötet habe, aber das kann ich nicht. Man kann es nicht ungeschehen machen; es ist einfach eine Tatsache. Ich stelle mir vor, dass jeder Mörder so fühlt. Ich besuche nun Inhaftierte im Gefängnis und wenn sie mir ihre Geschichten erzählen, dann sage ich ihnen: “Weißt du ich bin eigentlich genauso wie du, und habe das selbe getan.“ Und dann erinnere ich sie daran, dass ich ohne die Vergebung Gottes genauso wie jeder andere Mörder bin. Wir wünschten wir könnten die Toten wieder ins Leben bringen und um Vergebung bitten. Aber das können wir nicht, und so bleibt uns nur die Vergebung Gottes anzunehmen.

Ich vertraue der Vergebung, die ich gefunden habe und ich habe wirklich Frieden gefunden indem ich in mein eigenes Herz geschaut habe und alles bekannt habe, das mich belastet. Mich hat die Vergangenheit nie wieder belastet. Natürlich bereue ich noch immer, was ich getan habe und ich werde diesen Schmerz auch immer mit mir tragen, aber er hat keine Gewalt mehr über mein Leben.“

Menschen wie George und Carroll helfen uns zu verstehen wonach sich jeder Kriegsveteran im November sehnt. Wenn wir an den Schmerz denken den so viele Kriegsveteranen spüren und der sich in den schmerzhaften Statistiken der Selbstmorde und der Entwurzelung, der psychischen Erkrankungen und des Drogenmissbrauchs zeigt, dann sollten wir an Jesus denken: Jesus wurde verhöhnt und ausgepeitscht, gegeißelt und angespuckt und ans Kreuz genagelt. Wir sollten an seine Worte denken wie er sterbend sagte: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun.“ Und an die Worte, die er seinen Jüngern sagte: „Habt Mut, denn ich habe die Welt überwunden!“

Für gläubige Menschen können dies nie leere Worte sein. Wenn Jesus tatsächlich Sünde und Tod durch seinen eigenen Tod und Auferstehung überwunden hat, dann hat er auch die Schrecken des Krieges überwunden. Keine Tat ist so schrecklich, dass sie nicht vergeben werden kann, keine Erinnerung so schmutzig, dass sie nicht ausgelöscht werden kann. Gott kann jeden Menschen erlösen.

Wenn wir auch in diesem Jahr wieder an alle die Kriegsveteranen denken, so wollen wir den bleibenden Schmerz anerkennen, den so viele mit sich herumtragen. Brauchen wir nicht alle Vergebung – auch weil wir gegenüber dieser Seelenqual so gleichgültig sind, zu viel mit uns selbst zu tun haben, um ihre Lasten mit zu tragen, oder zu unwillig zuzuhören wenn die Erinnerung hochkommt? Wir wollen uns mit ihnen zusammen unserer eigenen Schuld und Gebrochenheit stellen und uns selbst erlauben verwandelt und geheilt zu werden.

Carroll King Carroll King
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