Morning over the bay

Ein gnädiger Tod?

von Eldad Ben-Eliezer

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Vor einigen Jahren schrieb ich einen Artikel, in dem ich erklärte, warum ich die bewusste Tötung eines unheilbar kranken Menschen ablehne. Ein Leser antwortete mir: "Was dieser Arzt schreibt ist gut und schön, aber ich vermisse das Mitleid. Wenn er gesehen hätte, wie meine Mutter am Ende ihres Lebens leiden musste, dann wäre es doch eine Tat des Mitleids gewesen, sie aus diesem Elend zu erlösen".

Ich habe in Krankenhäusern gearbeitet und weiß, dass es unzählige Geschichten gibt von Menschen, die am Ende ihres Lebens furchtbar leiden mussten. Zum Teil sind daran die vergeblichen Versuche schuld, ein Leben unter allen Umständen zu verlängern. Man will nicht akzeptieren, dass der Tod unvermeidlich ist; stattdessen weigert man sich, ihn durch schmerzlindernde Maßnahmen erträglich zu machen. Druck seitens der Verwandten, das Widerstreben der ärztlichen Betreuer, sich die Unheilbarkeit eines Patienten einzugestehen, sowie die eigenen Ängste und Hoffnungen des Patienten – all das trägt zu dieser tragischen Situation bei.

Ich saß am Bett vieler sterbenden Patienten; auch daher weiß ich, dass das Miterleben eines Todeskampfes oft unglaublich schwer zu ertragen ist – nicht nur die körperlichen Schmerzen, Übelkeit und Atemlosigkeit, sondern das Zusammenkommen von körperlichem, seelischem und geistigem Leiden. Und vielleicht mehr noch ist es die Angst vor dem Unbekannten, der Einsamkeit, dem Schwinden des Bewusstseins, dem Nachlassen der Körperkontrollen und dem zunehmenden Verlust der Würde – all das trägt bei zu den Leiden eines sterbenden Menschen .

Es ist daher nicht überraschend, dass einige um einen "leichten Tod" oder um Euthanasie bitten. Natürlich werden manche sagen, dass ein herbeigeführter Tod von jemand, der unerträgliche Schmerzen leidet, als Barmherzigkeit begrüßt werden kann. Aber ist die absichtliche Herbeiführung des Todes für einen leidenden Menschen wirklich eine Tat des Mitleids? Es besteht kein Zweifel daran, dass die mitfühlende Zuwendung zu einem sterbenden Menschen als allererstes einmal das Weglassen aller unnötigen und belastenden medizinischen Maßnahmen bedeutet, und dass zweitens eine gute schmerzlindernde Versorgung einen Großteil des Leidens erleichtern kann. Es ist zu bedauern, dass beides unter dem finanziellen Druck unseres am "Erfolg" gemessenen Gesundheitssystem gewaltig zu kurz kommt. Ich bin der festen Überzeugung, dass die meisten Bitten um aktive Sterbehilfe bei richtiger Behandlung zurückgezogen würden. Trotzdem haben wir auch solche Fälle, deren Leiden selbst mit der besten Medizin nicht völlig erleichtert werden kann, besonders wenn sie unter Ängsten und Sorgen leiden. Wie zeigen wir in solchen Fällen das richtige Mitleid?

Das Wort "Mitleid" bedeutet wörtlich, "mit einem anderen Menschen leiden". Manchmal können wir für den Leidenden nichts anderes mehr tun, als einfach dabei zu sein; doch dadurch wächst zwischen uns eine tiefe Verbindung, die anders nicht gegeben werden kann. Als Jesus im Garten Gethsemane in den tiefsten Herzensängsten war, bat er seine Jünger, mit ihm "zu wachen und zu beten". Das ist für uns oft das Schwerste. Wie Petrus, der schnell sein Schwert erhob um Jesus zu verteidigen, möchten auch wir "etwas tun" und überhören den Ruf, einfach da zu sein, einfach "miteinander" zu leiden.

Insofern will Euthanasie eigentlich dem Mitleid ausweichen, das verlangen würde, dem Leidenden bis zum bitteren Ende beizustehen, den Becher "bis zur Neige" zu leeren. Es ist wirklich so, dass die meisten Menschen, die um Sterbehilfe bitten, eigentlich nicht unerträglich leiden sondern Angst haben, die Kontrolle zu verlieren, hilflos und abhängig zu werden und nicht wissen, was sie in Zukunft noch aushalten müssen. Wenn wir einem Menschen versichern, dass wir bei ihm bleiben, was immer auch kommen möge, können wir für eine lange Zeit seine Not erleichtern. Und wenn wir einem sterbenden Menschen dadurch helfen, bis zum Ende mit ihm zu gehen, kann er schließlich den Sieg und den Frieden erringen, den ich so oft schon in den letzten Augenblicken eines Sterbenden gefühlt habe.

Angst, die Kontrolle über sich selbst zu verlieren, treibt manchen in unserer Gesellschaft dazu, das "Recht zum Sterben" zu fordern, wann und wie man es will. Oft sind das Menschen mit chronischen Behinderungen , die vor der Zukunft Angst haben und die Kontrolle über ihr Ergehen nicht aufgeben wollen. Das ist ein Aufruf an uns, solch einem Menschen zu helfen, dass er vertrauen kann, dass wir für ihn sorgen werden, in welcher Lage er sich auch befinden möge. Die Würde des Menschen und sein Selbstwert hängen nicht von physischen oder geistigen Fähigkeiten ab – jeder, der schon einmal ein Neugeborenes versorgt hat weiß das – und unser Leben wird unendlich reicherdurch Menschen, die körperlich oder geistig behindert und abhängig sind.

Es kann unglaublich schwer sein, eine Krankheit oder eine Behinderung zu akzeptieren, besonders am Ende, und doch habe ich einen erstaunlichen Frieden erlebt bei Menschen, die an den Punkt gekommen sind, an dem sie es aufgeben, die Kontrolle in der Hand zu behalten, und die ganz einfach ihr Schicksal akzeptieren. Das eröffnete den Weg für sie, ihre Lasten und Verfehlungen einem vertrauten Freund anzuvertrauen, wodurch ihnen völliger Herzensfriede durch Vergebung und Versöhnung geschenkt wurde. So haben sie auch die Herzen vieler erreicht, die sie mit einem gesunden Körper niemals erreicht hätten.

Statt über einen "leichten Tod" zu reden, sollten wir dem Ruf folgen, Mitleid zu zeigen und dafür zu sorgen, dass jeder Mensch bis zum Ende das Recht auf ein erfülltes Leben hat.

Elderly hand in a young hand
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