Morning over the bay

Die Zwiebel

von Fjodor Dostojewski

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Du siehst, Aleschetka“, und Gruschenka lächelte plötzlich nervös, indem sie sich an ihn wandte, „ich habe da vor Rakitka geprahlt, dass ich eine Zwiebel weggeschenkt habe, vor dir aber prahle ich nicht, ich werde dir dies in einer ganz anderen Absicht erzählen. Das ist nur eine Fabel, aber eine schöne, ich habe sie, als ich noch ein Kind war, von meiner Matrjona erzählt bekommen, die jetzt bei mir als Köchin dient. Siehst du, das ist so:

Es war einmal eine Frau, die war über die Maßen böse, und sie starb. Und sie hinterließ kein Andenken an irgendeine Tugend. Es fassten sie die Teufel und stießen sie in den Feuersee. Aber ihr Schutzengel steht dabei, ja, und er denkt: ‚An was für eine Tugend von ihr soll ich mich entsinnen, um sie Gott zu sagen?‘ Er dachte nach und spricht zu Gott: ‚Sie hat‘, so spricht er ‚einst aus ihrem Gemüsebeete eine Zwiebel herausgerissen und hat sie einer Bettlerin geschenkt!‘

Und es antwortete ihm Gott: ‚Nimm du,‘ spricht er, ‚diese selbige Zwiebel und strecke sie ihr in den See hin, möge sie sie erfassen und sich an sie halten, und wenn du sie aus dem See herausziehen wirst, so möge sie denn auch ins Paradies eingehen, wird aber die Zwiebel abreißen, so muss das Weib auch da bleiben, wo sie jetzt ist!‘ Es lief der Engel zu dem Weibe hin und streckte ihr die Zwiebel hin: ‚Da‘, spricht er, ‚Weib, fass an und halte dich!‘ Und er begann sie vorsichtig herauszuziehen, und er hatte sie schon fast völlig herausgezogen, ja, als aber die übrigen Sünder sahen, dass man das Weib herausziehe, da begannen sie sich alle an ihr festhalten, damit man sie zu gleicher Zeit mit ihr herausziehe. Das Weib war über die Maßen böse und begann mit Füßen zu stoßen: ‚Mich zieht man heraus, nicht aber euch, das ist meine Zwiebel, aber nicht die eurige!‘ Kaum hatte sie das ausgesprochen, das zerriss auch schon die Zwiebel. Und es fiel das Weib in den See zurück und brennt in ihm bis auf den heutigen Tag. Der Engel aber brach in Weinen aus und ging davon.

Das ist diese Fabel, Alescha, ich habe sie auswendig behalten, weil auch ich selber dieses selbige böse Weib bin.“

Auszug aus "Das Evangelium in Dostojewski", aus dem Gesamtwerk ausgewählt und übersetzt von Karl Nötzel, erschienen 1927 im Eberhard Arnold-Verlag als Band zwanzig in der "Quellen - Lebensbücherei christlicher Zeugnisse aller Jahrhunderte" herausgegeben von Eberhard Arnold.
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