Child running toward her mother

Das besondere Kind

von Johann Christoph Arnold

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Hat nicht meine Hand all das erschaffen? Durch mich ist alles entstanden, was es nur gibt. Jesaja 66, 2

Jesus macht es ganz klar, dass jeder der ihm nachfolgen will, sich selbst verleugnen und sein Kreuz aufnehmen soll (Markus 8,34). Diese Worte waren nicht nur an seine damaligen Zeitgenossen gerichtet, sie gelten auch uns heutzutage. Jeder von uns, der Jesus nachfolgen will, muss bereit sein das Kreuz zu tragen, das Gott ihm auferlegt hat.

Jeder Mensch trägt sein eigenes Kreuz. Wir sind immer wieder versucht unser eigenes Kreuz mit dem der anderen zu vergleichen. Wir denken wie begabt, sportlich, redegewandt die andere Person ist und fragen uns, ob sie überhaupt irgendein Kreuz in ihrem Leben zu tragen hat. Neid macht uns unzufrieden.

Jeder Mensch, egal ob Mann, Frau oder Kind, hat eine Last zu tragen. Selbst der Apostel Paulus spricht von seinem „Dorn im Fleisch“. Er bat Gott, ihn davon zu erlösen und bekam die Antwort: „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ (2. Korinther 12, 8). Wenn wir diese Gnade annehmen, können wir die schwerste Last tragen. So befremdend es klingen mag, dies kann uns sogar zum Segen werden.

Eine hochentwickelte pränatale Diagnostik macht es heutzutage möglich embryonale Schädigungen frühzeitig zu erkennen. Manchmal kann dies zu einer lebensrettenden Behandlung führen. In den meisten Fällen jedoch schlagen die Ärzte dann eine Abtreibung vor. Man hört dann das Argument, dass dies im besten Interesse für das Kind und die Eltern sei. Dabei wird der Eindruck vermittelt, dass es sogar unverantwortlich ist, ein solches Kind auszutragen, weil dies auch eine zusätzliche Belastung für die Gesellschaft bedeutet.

Abtreibung ist immer falsch. Gott hat eine besondere Bestimmung für jeden Menschen – für jedes Leben, das empfangen wurde. Das ist unabhängig davon wie kurz ein Leben ist, oder wie schwierig. Jedes neue Kind trägt in sich eine Botschaft Gottes und keiner von uns kann sich anmaßen zu wissen, was diese Botschaft beinhaltet. Egal wie die Umstände sind, die Botschaft ist da und wir müssen lediglich unsere Herzen dafür öffnen.

Meine Frau und ich wurden daran erinnert als eine unserer Töchter 2008 ihr fünftes Kind zur Welt brachte. Stephanie wurde mit Trisomie 13 geboren – eine Behinderung die nicht geheilt werden kann – und ihr kleines Gesicht war durch eine Gaumenspalte entstellt. Sie lebte nur einen Monat, aber wir alle haben sie sehr schnell lieb gewonnen und haben bald in ihr eine Schönheit entdeckt die tiefer ging als körperliche Unversehrtheit: es war der tiefe Friede Gottes den sie ausstrahlte und den jeder erlebte, der an ihr Bett trat. Als sie starb weinten wir alle; wir wussten zwar von Anfang an, dass sie nicht lange leben würde, aber sie war doch wie ein Engel in unserer Mitte gewesen und brachte uns eine Botschaft des Himmels, die nicht in Worte zu fassen war.

Natürlich ist die Nachricht, dass ein Kind schwer behindert sein wird mehr als beunruhigend. Oft suchen die Eltern die Schuld bei sich selbst oder fragen sich, womit sie dieses Los verdient haben. So verständlich solche Gedanken auch sind, so sollten wir ihnen doch keinen Raum in unseren Herzen geben. Stattdessen sollten wir versuchen, die Situation von einer tieferen Perspektive aus zu betrachten – darin einen Segen zu sehen, der uns näher zueinander und zu Gott führen kann.

Als Jesus und seine Jünger einen Menschen trafen der von Geburt an blind war, fragten ihn seine Jünger: „Wer hat gesündigt, so dass er blind geboren wurde – dieser Mann oder seine Eltern?“ Jesus antwortete darauf: „Weder er noch seine Eltern haben gesündigt; er wurde blind geboren, so dass Gottes Kraft an ihm offenbar wird“ (Johannes 9,1-3). Das war ganz bestimmt der Fall mit Stephanie. Mit ihre Missbildungen offenbarte uns Gott seine mächtigen Taten. Die Herausforderung an uns  ist, ob wir dies annehmen können oder nicht.

Viele Eltern von behinderten Kindern, können diese nicht als ein Geschenk sehen. Viel zu oft sind sie ungeduldig oder sogar ablehnend oder sie neigen zur Überbehütung. Für sie verletzt ein behindertes Kind den Stolz der Familie. Das Kind ist eine Enttäuschung und sie schämen sich dafür. Nachbarn, Verwandte und Freunde machen dies noch schlimmer mit ihren Bemerkungen und das gleiche gilt auch für viele Ärzte und Therapeuten die vorschlagen, ein solches Kind in einer entsprechenden Einrichtung unterzubringen.

Wie anders könnte es doch sein, wenn wir ein behindertes Kind als ein Geschenk annehmen könnten und nicht als eine Last! Als Freunde von uns 1967 eine Kind mit Down Syndrom bekamen, freuten sie sich – und wir mit ihnen. Louisa hatte einen schweren Herzfehler, dennoch lebte sie ihre 29 Jahre voll aus. Sie strahlte Freude und Begeisterung aus, egal wohin sie ging, und berührte sehr gebildete und zurückhaltende Menschen mit ihrer unverblümten Offenheit und ansteckendem Lachen. Selbst als sie im Sterben lag, sagte sie ihren Freunden und ihrer Familie: „Ich denke über das LEBEN nach!“

Kinder wie sie, sind heutzutage nicht mehr erwünscht. Es stimmt zwar, dass die Vorstellung ein behindertes Kind zu bekommen, fast unerträglich für eine Familie sein kann. Selbst innerlich fest gegründete Eltern brauchen immer wieder einmal Hilfe und Ermutigung und sie sollten sich nie schuldig fühlen, wenn sie solche Hilfe brauchen und immer wieder suchen. Wir, die wir nicht mit einer solchen Situation zu leben haben, sollten unsere praktische Hilfe anbieten, wo immer es möglich ist. Wir können z.B. anbieten ein ganzes Wochenende für ein solches Kind zu sorgen und den Eltern damit eine Gelegenheit zu geben, neue Kräfte zu sammeln.

Wenn man die besonderen Nöte eines behinderten Kindes bedenkt, ist es nicht erstaunlich, dass es oft anders als die anderen Kinder behandelt wird. Viel zu oft geben Eltern beim kleinsten Anlass nach und verwöhnen ihr Kind. Und doch tun sie ihm damit nichts Gutes, denn ein solches Verwöhnen schränkt die Zukunft dieses Kindes ein, seine körperliche und geistige Entwicklung und vor allem auch seine emotionale Unabhängigkeit.Jedes Kind braucht die Wärme körperlicher Zuwendung, und behinderte Kinder brauchen dies vielleicht sogar noch mehr als andere. Dennoch sollten sie nicht wie Babys mit ständigen Umarmungen, Küssen und Leckereien verwöhnt werden. Sie sollten vielmehr ermutigt werden ihre Fähigkeiten voll auszuschöpfen und dabei so normal wie nur irgend möglich behandelt werden. Das bedeutet natürlich nicht, dass sie in irgendeiner Weise zur Schau gestellt werden oder über ihre Grenzen hinaus Verantwortung übernehmen sollten. Trotzdem ist es erstaunlich was feste Erwartungen bewirken können. Als Seelsorger habe ich immer wieder erlebt wie eine optimistische Haltung einem schwerstbehinderten Kind hilft Mobilität, Unabhängigkeit und Selbstwert zu erlangen.

Es ist eine gewisse Versuchung sich darüber Gedanken zu machen, warum der eine Mensch mit einer geistigen oder körperlichen Behinderung geboren wird, während der nächste absolut gesund ist. Wir müssen dennoch vertrauen, dass alles was uns im Leben begegnet einen Sinn hat, sei es gut oder schwierig. Wir müssen daran festhalten, dass Gott jegliches Gebrechen und jeden Kummer in einen Segen verwandeln kann, wenn wir nur bereit sind, demütig anzunehmen, was er in unser Leben legt. Christus kommt zu uns in der Gestalt eines Fremden, eines Bettlers und in der Gestalt eines Engels. Warum sollte er nicht auch in der Gestalt eines behinderten Kindes zu uns kommen? 

child holding paper dolls of a family
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Von Johann Christoph Arnold Johann Christoph Arnold

ist als Redner und Schriftsteller international bekannt. Seinen reichen Erfahrungsschatz als Seelsorger in Ehe- und Erziehungsfragen sowie im Umgang mit Leiden und Sterben hat er in Büchern zugänglich gemacht, die in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt wurden. Er trägt Verantwortung in der Leitung des Bruderhofs, einer internationalen, christlichen Gemeinschaftsbewegung.

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