Children's hand prints in bright colors

Ben gewinnt das Eselrennen

Mein Bruder mit Down-Syndrom

von Carmen Ben-Eliezer (17)

Verfügbare Sprachen: English

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„Ich habe eine Goldmedaille gewonnen!“, posaunte Ben über den Mittagstisch.

„Wirklich? Wofür denn?“, fragte ich ihn. Alle Augen waren nun auf Ben gerichtet. Ein schelmisches Grinsen spielte um Augen und Mund, als er die gespannten Zuhörer durch seine Brille anblickte.

„Für … mein … Eselrennen!“ rief er laut aus. Unsere Familie brach in fröhliches Gelächter aus. Wir alle wussten genauso gut wie Ben, dass bei einem Eselrennen immer der letzte gewinnt.

„Toll, wir gratulieren dir!“, und wir alle schüttelten ihm die Hand über den Tisch hinweg.

Ben war 2002 als sechstes und letztes Kind meiner Eltern geboren worden. Bei der Geburt zeigte sich, dass er Down-Syndrom hat. Mit seiner Ankunft veränderte sich alles in unserer Familie. Zum Guten.

Er ist mein Bruder, Freund und Lehrer. Er hat mir einige Lektionen zum Thema Lebensqualität erteilt.

Ich liebe Ben. Ich nutze jede Gelegenheit, um mit ihm zusammen zu sein. Er ist mein Bruder, Freund und Lehrer. Er hat mir einige Lektionen zum Thema Lebensqualität erteilt. Hier ist ein kleiner Einblick in den Alltag mit Ben:

„Bleibt in Bewegung! Wenn ihr nicht fliegen könnt, lauft! Wenn ihr nicht laufen könnt, geht! Wenn ihr nicht gehen könnt, kriecht! Aber bleibt …“ Eine dröhnende, laute Stimme riss mich aus meinem Traum. Ich schlug die Bettdecke zurück, setzte mich auf die Bettkante und hörte genauer hin. Dann stürmte ich ins Wohnzimmer. Als ich die Tür öffnete, sah ich Ben, mit dem Rücken zu mir, vor dem CD-Spieler stehen und eine leere CD-Hülle fest in den Händen, auf der der Titel zu lesen war: „Reden von Dr. Martin Luther King“. Für Ben gibt es keinen Stillstand, auch wenn das dem Rest der Familie die Ruhe raubt; das Leben ohne Ben wäre schrecklich langweilig.

Nach dem Frühstück beginnt das Theater. Ben zieht sich Muttis Mantel an und verwandelt sich damit in den Heiligen Georg. Mit einem hölzernen Kochlöffel stürzt er sich in den Kampf mit dem Drachen – mein Bruder Mike, der noch im Bett liegt, sucht schnellstens unter seiner Bettdecke Schutz. Mike schnaubt betäubend laut unter diesem Angriff.

An diesem Morgen will unsere Familie auf einen gemeinsamen Spaziergang gehen. „Ben, zieh Schuhe und Jacke an“, versuche ich ihn anzuspornen. Dann werde ich ungeduldig und sage ihm, dass er sich nun beeilen muss. Drei Minuten später sitzt er immer noch ohne Schuhe und Jacke auf dem Boden, und schreit einfach zurück. Wieder einmal muss ich einsehen: Je mehr ich ihn zwingen will, umso länger wird es dauern. Geduld löst das Problem. Wozu all die Eile?

Als wir durchs Dorf schlendern, bleibt er plötzlich stehen und starrt einem Mann auf Krücken entgegen. „Ben, starr‘ den Mann nicht so an – das tut man nicht“, flüstere ich ihm zu. Ben hört gar nicht hin. Er beobachtet, wie der Mann an unserer Mutter vorbeigeht, und sagt dann: „Mama, wir müssen für den Mann beten, dass es ihm besser geht.“ Wenn ich mein Tempo auch ein bisschen runterschrauben würde, vielleicht hätte ich dann auch mehr Mitgefühl.

Wir gehen bis zum Bahnhof. Ben setzt sich auf eine Bank und wartet auf den einfahrenden Zug. Gerade in dem Moment stellt sich eine ziemlich große Dame mit einer auffallenden Frisur genau vor Ben. „Dicke, dumme Dame mit dem Haar auf dem Kopf!“, schreit Ben. Ich zucke vor Peinlichkeit zusammen. Dankbarerweise können die meisten Leute Bens undeutliche Sprache kaum verstehen. Doch die Dame versteht, worum es geht. Wie dem auch sei, Ben vergibt sich nichts, wenn er sagt, was er denkt und fühlt. Eigentlich gewinnt er meistens etwas. Die Dame hat ihm jedenfalls die Sicht frei gegeben.

Wieder zu Hause, geht Ben sofort zum CD-Spieler. „Los, los, Thomas! Thomas, die Nummer eins.“ Wenn es um Bens Lieblings-CD geht, dann geht nichts über die Lieder von „Thomas die Lokomotive“.

„Tanz, Carmen!“, ruft Ben laut, während er wie wild im Wohnzimmer herumhüpft. Plötzlich fühle ich mich ganz frei. Alle Unsicherheit und Anspannung meines Lebens als Teenager löst sich und ich stürze mich in einen wilden Tanz mit ihm.

Er lebt im Jetzt und ... nimmt dich bedingungslos an.

Das schätze ich am meisten am Zusammensein mit Ben; Er trägt nie eine Maske. er lebt im Jetzt und schert sich nicht darum, wie er aussieht, sich benimmt oder spricht. Er nimmt dich bedingungslos an. Er trägt nie eine Maske.

Abends sind wir mit Freunden zu einem festlichen Essen im großen Speisesaal. Als unsere Familie den Raum betritt, ruft unsere Mutter aus: „Oh, seht doch, wie schön das aussieht!“ Sie wird jedoch von einem tiefen Stoßseufzer unterbrochen. Ben steht in echter Verzweiflung neben ihr. Die Tische sind in einer ungewohnten Weise arrangiert und Ben ist seiner üblichen Routine beraubt. „Manche Leute kapieren es nie!“, murmelt er vor sich hin.

Glücklicherweise bedient Lorenz, einer von Bens erwachsenen Freunden, heute im Speisesaal und bringt Ben am Ende des Festmahls sein Lieblingseis. Bens Freudenjauchzer durchbrechen die feine, gedämpfte Atmosphäre des Speisesaals.

Wieder zu Hause, sitze ich am Tisch und versuche meine Algebra-Hausaufgaben zu verstehen. Ben zieht sich einen Stuhl heran, setzt sich neben mich und kramt seine Mathe Hausaufgaben hervor. Er deutet im geöffneten Mathebuch auf die Aufgabe und fragt: „Was ist größer: 201 oder 102?“ Ich gebe Ben meine volle Aufmerksamkeit. Wie kommt es, dass er in diesem Moment so eindeutig die höchste Priorität für mich hat?

Manchmal erscheint mir das Leben wie eine große Olympiade, wo jeder versucht, den anderen auszustechen, um Gold, Silber oder Bronze zu gewinnen. Und das bringt mich zurück zum „Eselrennen“, wo immer die letzte Person gewinnt. Unsere Gesellschaft akzeptiert eine solche Art von Qualifikation im Allgemeinen nicht, und Kinder wie Ben werden normalerweise ausgegrenzt. 90 % der Kinder mit Down-Syndrom, wo es vor der Geburt diagnostiziert wurde, bekommen nicht einmal die Chance, geboren zu werden. Aber ich weiß aus meinem eigenen Erleben, wieviel reicher das Leben sein kann, wenn ich versuche, es so wie Ben zu leben.

Vielleicht sollten wir alle lieber an einem „Eselrennen“ teilnehmen.

BenjaminBenE
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