Child running toward her mother

Das ungeborene Kind

von Johann Christoph Arnold

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Die neun Monate des gemeinsamen Wartens auf ein Kind können die Beziehung eines Paares vertiefen und sie mehr als in jeder anderen Zeit ihrer Ehe einander näher bringen. Besonders für ein junges Paar, das der Geburt seines ersten Kindes entgegensieht, ist dies verbunden mit einer großen erwartungsvollen Spannung – einer aufregenden Mischung aus der Furcht vor dem Ungewissen und der Vorfreude auf das Neue. Dazu kommt die Ehrfurcht vor dem Geheimnis neuen Lebens und das aufkeimende Empfinden für die Verantwortung der Elternschaft.

Leider ist das Gefühl für dieses Mysterium heutzutage fast völlig verloren gegangen. Schwangerschaft wird nicht so sehr als freudige Bejahung des Lebens, sondern mehr als ein gewöhnlicher medizinischer Zustand verstanden, und all die Geheimnisse, die früher ein Ehepaar für sich behielt, werden heute für Freunde und Verwandte in Form von Test- und Ultraschall-Ergebnissen hinausposaunt. Aber ist die Entwicklung eines Kindes im Leib der Mutter nur ein biologischer Vorgang?

In seinem Buch Innenland beschreibt mein Großvater Eberhard Arnold das ungeborene Kind als eine Seele – als "ein kleines Wesen, das aus der Ewigkeit gerufen wird". Wenn das so ist, dann benötigt Schwangerschaft nicht nur medizinische Versorgung, sondern innere Ehrfurcht, und wir sollten den seelischen Bedürfnissen einer Mutter mindestens ebenso viel Beachtung schenken wie den Ergebnissen ihrer Routine-Untersuchungen.

Sowohl für das ungeborene als auch für das lebende Kind ist ein schützendes, liebevolles Familienleben von unschätzbarer Bedeutung. Bereits im Mutterleib kann ein Kind unter Lieblosigkeit und mangelnder Zuwendung leiden. Psychologen und Erzieher warnen schon seit langem vor den negativen Folgen zerbrochener Familien für die Kinder, und viele von ihnen kommen zunehmend zu der Erkenntnis, dass solche Verhältnisse für ein ungeborenes Kind nicht weniger ernst sind.

Dass ein ungeborenes Kind die Gefühle seiner Mutter spürt, wird im Lukas-Evangelium wunderbar beschrieben:

Als Elisabeth den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leib. Und Elisabeth wurde vom heiligen Geist erfüllt und rief laut und sprach: Gepriesen bist du unter den Frauen, und gepriesen ist die Frucht deines Leibes! Und wie geschieht mir das, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt? Denn siehe, als ich die Stimme deines Grußes hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib —Luk. 1,41-44.

In ähnlichem Sinn beschreibt der deutsche Autor Joseph Lucas, wie sich die Gedanken einer Mutter ihrem ungeborenen Kind mitteilen. Alles Gütige, alles Reine, alles Große und Edle, alles Liebevolle und Starke aus ihrer Gedankenwelt hat sie in das Wesen des Kindes eingepflanzt, lange bevor es geboren wird. Wie eine Mutter während der Zeit der Schwangerschaft lebt, das, meint Lucas, legt in ihrem Kind den Grund für alle spätere Erziehung. Was nach der Geburt erfolgt, ist lediglich "die Entfaltung und Entwicklung dessen, was keimhaft in der Seele lag".

Wenn eine Frau feststellt, dass sie schwanger ist, sollte sie Gott danken. Als Eva schwanger wurde und sie Kain gebar sagte sie: "Mit der Hilfe des Herrn habe ich einen Mann erworben." (Gen. 4,1). Sie sagte nicht: "Mit der Hilfe Adams," sondern "Mit der Hilfe des Herrn". Gott hat einen Plan für jedes Kind und wir stehen in Ehrfurcht vor seinen Plänen.

Natürlich können medizinische Tests – wie Ultraschalluntersuchungen – Ärzten während einer Schwangerschaft hilfreiche Hinweise geben, die nützlich sind für die Vorbereitung auf Wehen und Entbindung. Aber solche Informationen sind nicht immer ein Segen. Wie viele Ultraschalluntersuchungen haben Abnormitäten und Schäden gezeigt, die dann später zu einem "Abbruch" führten?

Nur Gott weiß, wie viele unschuldige ungeborene Kinder jedes Jahr abgetrieben werden, aber wir wissen, dass die Anzahl in die Millionen geht. Und Abtreibung ist Mord, ohne Ausnahme. Sie zerstört Leben und verhöhnt Gott, nach dessen Abbild jedes ungeborene Kind geschaffen ist. Deshalb wird jede Frau, die eine Abtreibung erlebte oder in Erwägung zieht, immer unter schweren Gewissensbissen leiden. Sie kann nur in Christus Heilung finden, der jedem bereuenden Herzen Vergebung gewährt.

Selbst die überzeugendsten Argumente – sei es bezüglich der Lebensqualität des Kindes oder der Gesundheit der Mutter – sollten uns nicht beeinflussen. Wer sind wir denn, die wir uns die Entscheidung anmaßen wollen, ob eine Seele das Tageslicht sehen sollte oder nicht? In Gottes Augen kann selbst das schwer behinderte Kind zu seiner Ehre dienen. Ich habe das oft in meinem Leben erfahren. Und niemals sind es wir, die den Eltern eine solche Last auferlegen, sondern Gott, dessen Wille zum Besten eines jeden und einer jeden Situation wirkt (Röm. 8,28).

In einer Welt, die von Perfektionismus und Selbstbestimmung getrieben ist, würde es uns gut tun daran zu denken, dass Gott ein vollkommener Schöpfer ist, und dass wir als seine Kinder nicht seine Fehler finden, sondern ihn ganz einfach loben sollen:

Denn du hast mein Inneres geschaffen, mich gewoben im Schoß meiner Mutter. Ich danke dir, das du mich so wunderbar gestaltet hast. Ich weiß: Staunenswert sind deine Werke. Als ich geformt wurde im Dunkeln, kunstvoll gewirkt in den Tiefen der Erde, waren meine Glieder dir nicht verborgen. Deine Augen sahen, wie ich entstand, in deinem Buch war schon alles verzeichnet; meine Tage waren schon gebildet, als noch keiner von ihnen da war. —Psalm 139, 13-16

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Von Johann Christoph Arnold Johann Christoph Arnold

ist als Redner und Schriftsteller international bekannt. Seinen reichen Erfahrungsschatz als Seelsorger in Ehe- und Erziehungsfragen sowie im Umgang mit Leiden und Sterben hat er in Büchern zugänglich gemacht, die in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt wurden. Er trägt Verantwortung in der Leitung des Bruderhofs, einer internationalen, christlichen Gemeinschaftsbewegung.

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