Morning over the bay

Nelson Mandela: Eine Würdigung

von Johann Christoph Arnold

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Als Nelson Mandela am 5. Dezember im Alter von 95 Jahren starb, haben alle Medien ausnahmslos sein langes Leben kommentiert. Mich hat allerdings noch mehr sein Alter, damals in 1990, beeindruckt, als er nach 27 Jahren Gefangenschaft entlassen wurde. Mandela kommentierte diesen Tag einmal mit den Worten: „Als ich endlich durch diese Tore schritt und auf der anderen Seite in ein Auto stieg, da fühlte ich, dass mein Leben nun neu begann, und das selbst im Alter von einundsiebzig Jahren.“

Ich habe gerade erst meinen 73. Geburtstag gefeiert. Die meisten Menschen in meinem Alter denken, dass ihr Leben nun dem Ende zugeht; dass es Zeit wird, sich auf das Abschiednehmen vorzubereiten. Sie fühlen, dass sie ihren Teil getan und ihren Beitrag für die Gesellschaft als Ganzes geleistet haben. Im Gegensatz dazu und an einem Kreuzweg seines Lebens angelangt, an dem die meisten Menschen an einen ruhigen Lebensabend gedacht hätten, verließ Mandela sein Gefängnis mit der Energie eines jungen Staatsmannes – mit dem festen Ziel sein Volk in die Freiheit zu führen, das zerspaltene Land zu heilen und einen ganzen Kontinent im Kampf gegen Hunger, Kindersterblichkeit und AIDS zu vereinen.

Wenn ich zu Jugendlichen über die Notwendigkeit spreche, ein gutes Vorbild für ihr Leben zu finden, habe ich oft Nelson Mandelas erstaunliches Leben erwähnt. Es gibt nur wenige bessere Beispiele in Bezug auf persönliche Opfer, Hartnäckigkeit und – am Wichtigsten – in der Bereitschaft Frieden zu stiften. Hier war ein schwarzer Afrikaner der schlimmste Exzesse rassistischer Grausamkeit und Demütigung erlitten hatte und der einmal geschworen hatte seine weißen Unterdrücker mit Gewalt zu überwältigen. Und nun hatte er durch Leiden die Verbundenheit aller Menschen miteinander entdeckt – sogar die Verbundenheit zwischen Gefangenen und ihren Bewachern – und wurde so zu einem der eifrigsten Vertreter  seines Jahrhunderts für Vergebung und Versöhnung. (Seine ermutigende Reaktion auf mein Buch „Wer vergibt, heilt auch sich selbst“ habe ich von Anfang an besonders geschätzt! Er schrieb damals: Eine Botschaft, die dringend gebraucht wird.)

Natürlich war Mandela ein Mensch aus Fleisch und Blut wie wir alle. Er war bei weitem auch als Vorbild nicht perfekt: sein Privatleben war geprägt von Brüchen und Unruhe, dazu zählten zwei Scheidungen und drei Ehen. Aber er war demütig genug, das einzugestehen. Er sagte einmal: „Ich bin kein Heiliger, es sei denn man denkt an einen Heiligen als ein Sünder, der immer wieder einen Neuanfang versucht.“ Trotz seiner allzu menschlichen Schwächen, hat er sich selbst unermüdlich hingegeben, Jahr um Jahr, und hat so Millionen zur Vergebung und Versöhnung ermutigt. Wie viele Menschen können schon von sich sagen, dass sie der berüchtigtste Gefängnisinsasse ihres Landes sind und gleichzeitig der bekannteste Präsident und hoch geachtetste Friedensstifter?

Am Ende zählt Berühmtheit und Ehre wenig. Mandela hat in den letzten Jahren mehr und mehr an Einfluss verloren und das Land, das er geführt hat ist immer noch umkämpft – durchsetzt von Zonen der Gewalt und immer noch tief zersplittert.

So bleibt der Aufruf von Mandelas Leben bestehen, und das nicht nur für Südafrika. Egal ob berühmt oder unbedeutend, und egal ob wir noch ein Jahr oder zwanzig Jahre (oder sogar fünfzig Jahre) vor uns haben,  das Leben fordert uns heraus unser Licht leuchten zu lassen und fruchtbar zu machen – und uns nach der Heiligkeit auszustrecken die Mandela verkörperte: Sünder zu sein, die immer wieder einen Neuanfang wagen.

Johann Christoph Arnold hat elf Bücher veröffentlicht, wovon die meisten auch in Deutsch erschienen sind.

Bust of Nelson Mandela beside the Royal Festival Hall, London
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Von Johann Christoph Arnold Johann Christoph Arnold

ist als Redner und Schriftsteller international bekannt. Seinen reichen Erfahrungsschatz als Seelsorger in Ehe- und Erziehungsfragen sowie im Umgang mit Leiden und Sterben hat er in Büchern zugänglich gemacht, die in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt wurden. Er trägt Verantwortung in der Leitung des Bruderhofs, einer internationalen, christlichen Gemeinschaftsbewegung.

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