White clouds in a blue sky

Der Tanz des Räubers Horrificus

Eine kurze Weihnachtsgeschichte für Kinder

von Karl Heinrich Waggerl

Verfügbare Sprachen: español, English

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Gegen Abend nach der ersten Rast wollte Josef mit den Seinen wieder weiterziehen. Er nahm aber den Esel und ritt voraus hinter einen Hügel, um den Weg zu erkunden.  "Es kann doch nicht mehr weit sein bis Ägypten", dachte er. Indessen blieb die Muttergottes mit dem Kinde auf dem  Schoß allein unter der Staude sitzen, und da geschah es, daß ein gewisser Horrificus des Weges kam, weithin bekannt als der furchtbarste Räuber in der ganzen Wüste. Das Gras legte sich flach vor ihm auf den Boden, die Palmen zitterten und warfen ihm gleich ihre Datteln in den Hut, und noch der stärkste Löwe zog den Schweif ein, wenn er die roten Hosen des Räubers von weitem sah. Sieben Dolche steckten in seinem Gürtel, jeder so scharf, daß er den Wind damit zerschneiden konnte, an seiner Linken baumelte ein Säbel, genannt der krumme Tod, und auf der Schulter trug er eine Keule, die war mit Skorpionsschwänzen gespickt. "Ha!" schrie der Räuber und riß das Schwert aus der Scheide.  "Guten Abend", sagte die Mutter Maria. "Seit nicht so laut, er schläft". Dem Fürchterlichen verschlug es den Atem bei dieser Anrede, er holte aus und köpfte eine Distel mit dem krummen Tod. "Ich bin der Räuber Horrificus", lispelte er, "ich habe tausend Menschen umgebracht. "Gott verzeihe dir!" sagte Maria. "Laß mich ausreden", flüsterte der Räuber,-"und kleine Kinder wie deines brate ich am Spieß!" "Schlimm", sagte Maria. "Aber noch   schlimmer, daß   du lügst!". Hierbei kicherte etwas im Gebüsch und der Räuber sprang in die Luft vor Entsetzen, noch nie hatte jemand in seiner Nähe zu lachen gewagt. Es kicherten aber nur die kleinen Engel, im ersten Schreck waren sie alle da- von gestoben, und nun saßen sie wieder in den Zweigen. "Ach Bruder Horrificus" sagte Maria, "was bist du für ein lustiger Mann." Das drang dem Räuber lind ins Herz, denn die Wahrheit zu sagen, dieses Herz war weich wie Wachs. Als er noch in den Windeln lag, kamen schon die Leute gelaufen und entsetzten sich, "wehe uns", sagten sie, "sieht er nicht wie ein Räuber aus?" Später kam niemand mehr, sondern jedermann lief davon und warf alles hinter sich, und Horrificus lebte gar nicht schlecht dabei, obwohl er kein Blut sehen und kaum ein Huhn am Spieß braten konnte. Darum tat es nun dem Fürchterlichen in der Seele wohl, daß er endlich jemand gefunden hatte, der ihn nicht fürchtete. "Ich möchte deinem Knaben etwas schenken" sagte der Räuber, "nur habe ich leider nichts als lauter gestohlenes Zeug in der Tasche. Aber wenn es dir gefällt, dann will ich vor ihm tanzen!" Und es tanzte der Räuber Horrificus vor dem Kinde, und kein lebendes Wesen hatte je dergleichen gesehen. So gewaltig und kunstvoll tanzte der Räuber, so überaus prächtig war er anzusehen mit seinen Ohr- ringen und dem gestickten Gürtel und den Federn auf dem Hut, daß sogar die Mutter Maria ein wenig Glanz in die Augen bekam. Auch die Tiere der Wüste schlichen herbei, die königliche Uräusschlange und die Springmaus und der Schakal, alle stellten sich im Kreise auf und klopften mit ihren Schwänzen den Takt in den Sand. Schließlich sank der Räuber erschöpft zu Füßen Marias nieder, und da schlief er dann ein. Josef war längst weiter gezogen, als er endlich wieder aufwachte und benommen seines Weges ging. Alsbald merkte er auch, daß ihn niemand mehr fürchtete. "Er hat ja ein weiches Herz!" erzählte die Springmaus überall. "Vor dem Kinde hat er getanzt", zischte die Schlange. Horrificus blieb in der Wüste, er legte seinen fürchterlichen Namen ab und wurde ein mächtiger Heiliger im Alter, es soll verschwiegen bleiben, wie er im Kalender heißt. Wenn aber einer von euch etwas zu verbergen hätte und nur sein Herz wäre weich geblieben, so mag er getrost sein. Gott wird ihm dereinst verzeihen um des Kindes willen, wie dem großen Räuber Horrificus. 

illustration of the robber horrificus
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