Zwischen den Jahren

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Seit meiner Kindheit waren die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr ein Höhepunkt. Es war die Zeit „zwischen den Jahren“, wie es der Volksmund ausdrückt. Meine Eltern haben uns Kindern gezeigt, wie wichtig es für unser inneres geistliches Leben ist, diese Zeit als eine Gelegenheit zu ergreifen, in der man die übliche Arbeit und die Sorgen zur Seite legt, still wird und sich als Familie sammelt und Rückschau hält.

Es gibt keine bessere Zeit, vergangene Fehler ins Reine zu bringen und alte Wunden zu heilen, Verpasstes hinter sich zu lassen und Frieden miteinander zu schließen. Gibt es einen besseren Weg, mit einem freien Gewissen und Herzen ins neue Jahr zu gehen?

Wenn meine Frau Verena und ich nun auf dieses zu Ende gehende Jahr zurückschauen, so sehen wir vieles, was Gott uns geschenkt hat. Können wir Ihm für alles danken, das Gute wie das Schlechte? Dieses Jahr war für uns eine besondere Herausforderung, weil sie mit ihrer Krebserkrankung zu kämpfen hat und auch meine Zukunft wegen meines kranken Herzens ungewiss ist. Aber gerade diese Prüfungen haben unser Leben auf ergreifende Weise vertieft.

Dies ist auch eine Zeit, sich auf alles zu freuen, was vor uns liegt. Dabei geht es mir nicht um gute Vorsätze für das neue Jahr, die wir so schnell ergreifen und so selten einhalten. Wir fragen uns vielmehr, was unsere Hoffnungen und Gebete für das neue Jahr beinhalten - für uns selbst und unsere Familien und für unsere Welt. Was wird 2014 für die syrischen Flüchtlinge bringen und für alle, deren Leben durch Krieg und Naturkatastrophen zerstört wurden? Angesichts des unfassbaren Leidens, das so sehr von uns Menschen ausgelöst wird, müssen wir Gott anflehen, in die Weltgeschichte einzugreifen. Der uralte Hilferuf „Dein Reich komme!“ brennt mehr denn je in unseren Herzen.

Mit jedem zu Ende gehenden Jahr gewinnt die Zeit zwischen den Jahren für mich mehr an Bedeutung. Auf das Ende meines Lebens zugehend, wird der Blick zurück weiter und gleichzeitig strukturierter. Und wenn ich in die Zukunft schaue, so freue ich mich nicht nur auf ein neues Jahr oder ein Jahrzehnt, sondern auf die Ewigkeit.

Wir alle, egal wie alt wir sind, sollten lernen, im Licht der Ewigkeit zu leben. So wie uns die Schriften der Bibel anzeigen, geht es bei der Ewigkeit nicht um unendliches Leben, wie wir es uns vorstellen; was wir hier leben, wird bald vorüber sein. Ewigkeit ist ein neues Leben, frei von der Zerstörungsmacht des Todes, erfüllt von einem Leben unter der Herrschaft der Liebe. Die Verheißung ewigen Lebens hat weniger zu tun mit der Dauer der Zeit und mehr mit der Art des neuen Lebens, geprägt von Frieden, Gemeinschaft und Fülle an Leben. Ein solches Leben kann jetzt schon beginnen.

Gott will uns alle in seinem Reich willkommen heißen, aber wir müssen jetzt schon beginnen, dafür zu arbeiten. Zu einer solchen Einstellung könnte man auch sagen „für die Ewigkeit leben“. Das ist ein Lebensstil, durch den Herz und Kopf für die Ewigkeit vorbereitet werden, während unser Körper noch in dieser Welt existiert.

Im Angesicht der Ewigkeit zu leben, bedeutet hier auf Erden keine Reichtümer anzuhäufen, sondern Schätze im Himmel zu sammeln (Matthäus  6: 19-20). Im Angesicht der Ewigkeit zu leben, heißt auch zu wissen, dass wir nicht vom Brot allein leben, sondern von jedem Wort, das von Gott kommt (Matthäus 4: 4) und dass Jesus uns das Wasser des Lebens gibt. Jesus antwortete: „Wer dieses Wasser trinkt, wird wieder durstig. Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, wird niemals mehr Durst haben. Ich gebe ihm Wasser, das in ihm zu einer Quelle wird, die ewiges Leben schenkt.“ (Johannes  4: 13-14)

Während wir dem Sonnuntergang unseres eigenen Lebens entgegengehen, haben meine Frau und ich uns oft selbst gefragt, was nun wirklich zählt. Immer wieder sind wir zu dem Schluss gekommen, dass es darum geht, uns so gut wie nur möglich auf den Moment vorzubereiten, an dem Gott uns zu sich ruft, und auch anderen zu helfen, im Angesicht des Todes zu leben; ihnen zur Seite zu stehen, wenn sie von dieser Welt in die nächste gehen.

Es tut uns allen gut, an die Ewigkeit zu denken, und dabei geht es gar nicht darum, wie alt wir sind. Die Jugend kann eine der schönsten Lebenszeiten sein, und doch ist auch diese Freude nur völlig, wenn auch junge Menschen beginnen, sich mit der Ewigkeit auseinanderzusetzen. Dasselbe gilt für das Alter: es kann von Schmerz, Einsamkeit und Depression geprägt sein, wenn wir an unsere Sterblichkeit denken, anstatt auf die Unsterblichkeit zuzugehen.

Unser Leben wäre tatsächlich sehr klein, wenn es nur aus dem bestehen würde, was wir erleben, berühren und sehen können; die Ewigkeit kann jedoch mit keinem Maß erfasst werden. Wenn wir im Angesicht der Ewigkeit leben, merken wir, dass dies viel realer ist als die sichtbare Welt. So wie der Apostel Paulus schreibt „Jetzt sehen wir nur ein unklares Bild wie in einem trüben Spiegel; dann aber stehen wir Gott gegenüber. Jetzt kennen wir ihn nur unvollkommen; dann aber werden wir ihn völlig kennen, so wie er uns jetzt schon kennt. (1. Korinther 13:12)

Gott hat jeden von uns für diese Welt geschaffen, aber Er hat uns auch für die Ewigkeit erschaffen, und Er hat mit jedem von uns etwas vor. Im Angesicht der Ewigkeit zu leben, gibt uns die Möglichkeit, jetzt schon den Tod zu überwinden, noch bevor wir gestorben sind. Das kann uns helfen zu begreifen, wie Gott jetzt schon in unserem Leben am Werk ist, und uns helfen, seinen Weg des Dienens, der Liebe und der Vergebung zu gehen, um uns vorzubereiten auf unseren Tod und damit eigentlich auf das ewige Leben.

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Von Johann Christoph Arnold Johann Christoph Arnold

ist als Redner und Schriftsteller international bekannt. Seinen reichen Erfahrungsschatz als Seelsorger in Ehe- und Erziehungsfragen sowie im Umgang mit Leiden und Sterben hat er in Büchern zugänglich gemacht, die in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt wurden. Er trägt Verantwortung in der Leitung des Bruderhofs, einer internationalen, christlichen Gemeinschaftsbewegung.

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