Morning over the bay

Hirtendienst

von Charles Moore

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Zum ersten Mal bin ich an Weihnachten nicht zuhause. Unser Schülerchor ist auf Tour und wir fahren vom südlichen Kalifornien durch die öde Landschaft der texanischen Ebene nach Oklahoma. Es ist bitter kalt, unser Auto ist ganz mit Eis bedeckt, sodass ich nicht mal aus dem Fenster gucken kann, und wir sind nun schon vierundzwanzig Stunden unterwegs.

Wir schaffen es, rechtzeitig in der Kirche zu sein, in der wir singen sollen, und machen uns bereit für den Weihnachtsgottesdienst. Unser Programm ist John Fishers Musical The New Covenant [Der neue Bund]. Zwischen den Liedern erzähle ich die Botschaft des Jeremia für eine neue bessere Welt:

„Seht, es werden die Tage kommen“ spricht der Herr,
„in denen ich einen neuen Bund schließen werde….
Nicht wie der Bund war,
den ich mit ihren Vätern geschlossen habe ….
Ich lege mein Gesetz in sie hinein
Und schreibe es auf ihr Herz.
Ich werde ihr Gott sein
Und sie werden mein Volk sein…
Denn ich verzeihe ihnen die Schuld,
an ihre Sünden denke ich nicht mehr.“

Unser Programm ist beendet. Die Gemeinde versammelt sich um uns mit Liebe und gutem Essen. Sie sind begeistert wie noch nie: Das Jesuskind voll Gnade und Wahrheit, Gottes Sohn, in unseren Herzen, in unseren Gedanken. Keine starren Regeln mehr. Das Leben kann neu beginnen.

Es ist ziemlich spät, und wir legen uns im Gemeindesaal der Kirche zum Schlafen. Dicht an dicht liegen wir in unseren Schlafsäcken auf dem Fußboden. Ich bin viel zu müde, um mich daran zu stören.

Weihnachtsmorgen. Alles ist ruhig – und trostlos. Durch die Fenster, die am anderen Ende des Raumes von der Decke bis zum Fußboden reichen, sieht man nichts als grauen, vereisten Schmutz. Einige spärliche Grashalme wehen im Wind. Nichts sieht vertraut aus – nichts wie das Weihnachten zuhause.

Wir packen zusammen, machen uns auf den Weg wieder durch Texas zu einer weiteren Gemeinde. Noch ein Abendkonzert. Es ist Weihnachtsabend. Unser Programm läuft ab wie gehabt. Aus dem Johannesevangelium zitiere ich „Das Gesetz wurde durch Mose gegeben, doch die Gnade und Wahrheit kamen durch Jesus Christus.“ Weiter zitiere ich den Apostel Paulus:

„Wir sind nicht wie Mose, der über sein Gesicht eine Hülle legte… Nein, Christus hat die Hülle entfernt. Denn wo der Geist Gottes ist, da ist Freiheit. Wir alle spiegeln mit enthülltem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wider und werden so in sein eigenes Bild verwandelt…. Denn Gott, der sprach: Aus Finsternis soll Licht aufleuchten!, der ist in unseren Herzen aufgeleuchtet.“

Im Christkind ist Leben, und dieses Leben ist das Licht der Welt. Auch in uns ist Leben und Licht. Es scheint in der Finsternis, und die Finsternis konnte es nicht überwinden. Wir sind Zeugen. Es scheint.

Es geht auf Mitternacht zu. Diesmal haben Familien uns eingeladen. Ich bekomme ein Bett. Bevor ich schlafen gehe, bedankt sich mein Gastgeber bei mir. Seine Frau hat ihn vor einigen Jahren verlassen. „Vielen Dank, dass ihr mich daran erinnert habt, dass das Licht trotzdem scheinen kann.“

Der Morgen kommt schnell, viel zu schnell. Wir packen zusammen und machen uns auf die Reise nach Albuquerque. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich noch genug Energie dafür habe, aber ich freue mich aufs Singen und darauf, dass ich von einem neuen und besseren Leben erzählen kann.

Diesmal ist die Kirche proppenvoll mit alten Leuten. „Frohe Weihnachten! Gott ist mit uns – Emmanuel ist geboren.“ Unser Programm beginnt. Zum Schluss zitiere ich wieder Paulus:

„Wir haben seine Herrlichkeit gesehen; darum werden wir nicht müde, wenn auch unser äußerer Mensch aufgerieben wird, doch der innere wird von Tag zu Tag erneuert. Denn die kleine Last unserer gegenwärtigen Not schafft uns ein Übermaß an Herrlichkeit…. Ehre sei Gott in der Höhe.“

Ein gebückter Herr mit Strickjacke und Stock kommt auf mich zu, als wir geendet haben. Er hat feuchte Augen. Er umarmt mich und geht dann langsam davon. Seine Frau sei vor kurzem an Krebs gestorben.

Nach einigen Tagen und noch mehr Kirchen bin ich schließlich zurück in der Schule. In meinem Briefkasten ist ein Brief von Mutter. „So, wie war dein Weihnachten?“ Ich erzähle ihr von der ganzen Tour, wo wir überall waren und was wir versuchten, den Menschen zu bringen.

Noch ein Brief von Mutter. Es tut ihr leid, dass ich kein schönes Weihnachten hatte. Keinen Baum, keine Geschenke, keinen Weihnachtsmann, kein Weihnachtsliedersingen und keine Besuche. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Dann erinnere ich mich an die Hirten aus der Weihnachtsgeschichte und wie sie eilten, die gute Nachricht vom Jesuskind in der Krippe zu verbreiten. „Und alle, die sie hörten, staunten über die Worte der Hirten.“

„Mutter,“ schrieb ich zurück, „ich hatte ein schönes Weihnachten… Ich habe Hirtendienst gemacht.“

Christus ist geboren! Es gibt ein neues und besseres Leben. Das Licht scheint in der Finsternis. Unsere Sünden sind vergeben. Es ist die Zeit des Hirtendienstes. Halleluja!

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