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    A background slice from Odilon Redon's painting, Silence.

    Erwartung und Erfüllung

    von

    Montag, 21. November 2022
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    Deutsches Weihnachtslied des 15. Jahrhunderts: Aus lauter Lieb allein 

    Die frohe heilige Erwartung der kommenden Gerechtigkeit und Liebe ist schon im Laufe der Jahrtausende in allen Völkern festzustellen, oft nur als eine verborgene Sehnsucht, die auf die Einung der Menschen untereinander gerichtet ist, die zerrissen und in Uneinigkeit ihrem Verderben verfallen schienen. Durch alle Jahrtausende geht die geheimnisvolle Erwartung des kommenden Zeitalters, in welchem der Friede und die Gerechtigkeit aufgehen sollte, in einer Königsherrschaft des unnennbaren Namens und des allerhöchsten Geheimnisses.

    Es gibt kein Volk auf der Erde, das diese Erwartung nicht im tiefsten Herzen getragen hätte.

    Und nun ist Er gekommen in der Unscheinbarkeit der Erniedrigung, in der Armut, außerhalb der menschlichen Gesellschaft, im Futtertrog des Viehstalles. Nun ist Er gekommen, der Geringste unter den Geringen. Nun ist Er gekommen, der unter den Verbrechern hingerichtet wurde von dem moralisch und juristisch vorzüglichsten Staat, von der demagogischen Stimme der Massen. Nun war Er gekommen und ist getötet worden; denn man wollte nicht, dass dieser Zeuge lebe. So liegt in Wahrheit Leben, Sterben, Auferstehung und die Ausgießung seines Geistes in der Einung seiner Gemeinde, der Urkirche. Und die großen Massen der Völker und die großen Zusammenhänge der Geschichte liegen noch heute in Verwirrung, in Uneinigkeit und Zerrissenheit, in Unfriede und Ungerechtigkeit und Versklavung und in unbeschreiblicher Not des Geistes und des Seelenlebens. Erwartung und Erfüllung stehen heute gegenüber.

    Oder sind wir noch nicht in der Erwartung angelangt, dass wir mitten in der Not der Zeit, mitten in der Qual dieser Tage einen Lichtblick gewinnen auf eine Zukunft, die nicht von Menschen kommt, und doch auf eine Zukunft, die zu den Menschen kommt, die unter den Menschen hereinbricht!

    Fassen wir die Botschaft des Friedens und der Weihenacht, die Nachricht des Reiches Gottes und seiner Gerechtigkeit! Schauen wir in Christus, in Jesus den Unscheinbaren und Erniedrigten, die Erwartung und Erfüllung geht uns auf: dass eine arme Geburt in der Krippe und dass ein erniedrigter Tod am Verbrecherholz der einzige Weg ist, auf der die Erwartung der Erfüllung entgegengehen kann!

    Sind auch wir bereit zu demselben Weg? Sind auch wir bereit zu demselben Weg der Liebe, dass es auch von unserem Leben heißen sollte: Aus lauter Lieb allein!

    Ist diese Liebe geboren und gelebt worden bis in den Tod? Nur wenn wir die Nachrichten dieses von der Maria geborenen Sohnes so ernst nehmen wollen: nur dann werden wir zu denen gehören, die in der rechten Erwartung stehen und etwas von wahrer Erfüllung finden.

    Zu allen Zeiten hat es solche gegeben, die diesen Weg gegangen sind, auf welchem die Freude der Liebe das Höchste ist, das zum Ziel führt. Zu allen Zeiten hat es solche gegeben, die diesen Weg gegangen sind, auf welchem die Freude der Liebe zur völligen Armut, zu Gemeinschaft in Arbeitsgemeinschaft und völliger Lebensgemeinschaft führt. Zu allen Zeiten hat es diesen Weg und diese Erfüllung gegeben. Und auch heute ist dieser Aufruf ergangen. Nötiger als jemals brauchen wir Männer und Frauen, alte und junge Menschen, die sich zusammenschließen zu dem Weg völliger Gemeinschaft.

    Nur das lebendige Beispiel: Es gibt noch eine Einheit, und diese Einheit kann einzig und allein bestehen in der völligen Liebe, die auf letzter Hingabe beruht.

    So hatte es der von der Maria geborene Sohn gesagt. Im Anschluß an den Johannes war er gekommen, der aufgerufen hatte:

    Tut Buße, das Himmelreich ist nahe!

    Und er selbst hat gesagt: Wenn dich jemand bittet eine Meile mit ihm zu gehen, so gehe zwei Meilen mit ihm - und sammle - dir kein Vermögen, sondern verlass alles was du hast...Hier ist der Weg der Liebe, der Gemeinschaft, der Erlösung aus aller Not, wo sich Menschen zusammenfinden, die es wagen, alle Zerrissenheit eigenen Lebens, eigenen Anspruch, eigenes Werk zu lassen, um nun das gemeinsame Leben gemeinsamen Werkes und gemeinsamen Schaffens zu gehen, um in dem größten schöpferischen Liebeswerk ihre Kräfte zu verzehren und wahre Gemeinschaft aufzubauen im Geist des kommenden Königs und des kommenden Reiches.

    Menschen müssen sich zusammenfinden, die es wagen, in dem Charakter des Zukunftsreiches Gottes wirkliche Gerechtigkeit, wirkliche Liebe und Freude und wirklichen Frieden zu leben.

    Gewiss kann man einwenden: Solange Menschen daran beteiligt sind, solange wird auch menschlich Unvollkommenes zu spüren sein. Gewiss ist es so: Aber wo man diesen Willen hat und wo dieser Geist herrscht, dürfen wir uns durch unsere Unvollkommenheit nicht aufhalten lassen, das Vollkommene zu wollen. Es gibt keinen Glauben, der nicht das Werk hätte, der nicht in der Liebe tätig ist. Die wahre Betätigung der Liebe aber ist die volle Vereinigung gänzlicher Gemeinschaft in der Arbeit. Es ist die Werkarbeit der gemeinsamen Arbeit; des ganzen Lebens für immer und bis ans Ende.

    Das ist die Ursache, aus der heraus sich immer und wieder in allen Jahrhunderten der von Christus hervorgerufenen Bewegung Menschen zusammengeschlossen haben, hier Männer, dort Frauen, und dann wieder Männer und Frauen auf dem Boden der klaren rein-gehaltenen Ehe eines Mannes und einer Frau und in Familienverbänden die völlige Gemeinschaft aller Arbeitskräfte und auch aller Lebensgüter und Besitztümer bewahrt haben, um in gemeinsamer Arbeit die Herzen und Tore offen zu halten, damit die Lüge der menschlichen Gesellschaft, in ihrer Zerklüftung, mit ihrem Vernichtungs- und Versachlichungswillen überwunden wird, damit die Mammonsherrschaft des Eigentums und Reichtums gebrochen wird, damit die Reinheit anstelle der Unreinheit, die Treue anstelle der Untreue, damit die Wahrheit der völligen Liebe offenbar wird und damit die mörderische Gesinnung der gegenseitigen Verdrängung und Ermordung, Befehdung und Feindseligkeit überwunden wird durch die Tat der gegenseitigen Hilfe, der Freude und Liebe, die in Jesus erschienen ist. Das ist eine uralte Botschaft und sie braucht nicht neu erfunden zu werden, sondern sie ist da, solange es die Propheten Gottes gegeben hat, und sie ist Wirklichkeit geworden, seitdem die Urkirche in Jerusalem durch den heiligen Geist angerichtet worden ist.

    stylized painting of Marys hands holding Jesus
    Von EberhardArnold2 Eberhard Arnold

    Eberhard Arnold war ein Theologe, Erzieher, Verleger und Leiter der Bruderhofgemeinschaft.

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