Brown paint strokes

Am grünen Holz

von Giovanni Papini

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Auszüge aus dem 1951 in Deutsch erschienen Werk Papinis "Das Leben des Herrn"

Der Hauptmann hat außerhalb des alten Mauerringes halten lassen, mitten im jungen Grün der Gärten vor der Stadt. Die Stadt des Kaiphas Ieidet keine Galgen innerhalb der Mauer; sie könnten die Luft verunreinigen, in der der Duft von den Tugenden der Pharisäer schwebt; sie konnten die feinen Nerven der Sadduzäer aufregen; darum werden die zum Tod Verurteilten schon vor ihrem Tod hinausgescheucht .

Es ist erwünscht, daß das Kreuz, an einem Ort stehe, wo es viele sehen.

Sie haben oben auf einem Erdhöcker haltgemacht, der, abgerundet und kalkweiß, einem menschlichen Schädel ähnlich ist. Diese Ähnlichkeit scheint den Ort für Hinrichtungen zu bezeichnen; aber der eigentliche Grund, dessentwegen er für den Zweck gewählt worden, ist, daß hier die Straßen von Jaffa und Damaskus sich kreuzen und daß hier der Strom der Pilger und Händler, der Leute, die vom Land kommen und aufs Land gehen, vorbeifließt; es ist erwünscht, daß das Kreuz, das schrecken und warnen soll, an einem Ort stehe, wo es viele sehen.

Das menschliche Antlitz Gottes ist naß von kaltem Schweiß. Der Ton der Schaufelstiche durchdringt ihm das Haupt, als ob die Schaufeln daran schlügen. Die Sonne, die er so gern gehabt hat als das Ebenbild des Vaters, der gut ist auch gegen die Unguten, sie tut ihm weh, verschärft das Brennen der Lider. Im ganzen Körper ist eine Mattigkeit, ein Zittern, ein Bedürfnis nach Ruhe, dem er mit ganzer Seele widerstehen muß - hat er nicht versprochen zu leiden, so lange es sein muß, bis zum Letzten? Und zu gleicher Zeit fühlt er, daß er die Seinen, die er verlassen muß, auch die, die ihm den Tod bereiten, mit schmelzendem Herzen liebt, mehr als je. Und aus dem Grund seiner Seele steigt, fast als ein Lied des Sieges über den zerschlagenen, versagenden Leib, das Wort, das wir nie vergessen werden:

»Vater, verzeih ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun !«

cross with a crown of thorns
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