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Was die Nachfolge Christi kosten kann

von Hans Häselbarth

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Eben erreichte uns eine Sammlung von Zeugnissen über Märtyrer in der Kirchengeschichte, die uns gerade jetzt, angesichts von Christenverfolgung in vielen Ländern, sehr berührt. Der Titel heißt: Bearing Witness. Stories of Martyrdom and Costly Discipleship (Hrsg. C. E. Moore und T. Keiderling), Plough Publishing House 2016.

Können wir in Deutschland Gewalt, Rüstung und Kriegs­einsätze, wenn auch als letzte Option, als Christen noch ver­treten? Ist es nicht auch für uns Zeit, endlich zu einer Friedens­kirche zu werden wie diese unsere afrikani­schen Geschwister?

Das Schlußkapitel darin beschreibt das Leiden der “Ekklesiar Yanu’wa a Nigeria” (EYN), der Kirche der Geschwister, im Nordosten Nigerias in den vergangenen Jahren durch die Angriffe von Boko Haram. Warum geht mir gerade diese Region so zu Herzen? Als Missionarsehepaar der Basler Mission hatten wir in den 70iger Jahren ihre ersten begabten Diplomtheologen ausgebildet, die dann bis in das neue Jahrhundert hinein treue Dienste in der Kirchenleitung taten. Nach 2002 besuchte ich noch zwei Mal das Land, einmal um Friedensseminare für dortige Mitarbeiter zu halten, das andere Mal zu einem Vortrag vor der dortigen Synode über Gewaltverzicht und Friedensarbeit in Nigeria.

Die Kirche war ab 1923 von Missionaren der „Church of the Brethren“ aus den USA gegründet worden. Diese historische Friedenskirche war vor 200 Jahren (zum Schaden für unser Land!) aus Deutschland vertrieben worden. Nun begegneten wir ihren Sendboten nach 200 Jahren in Nigeria wieder – welch eine Fügung! Die einheimischen Volksgruppen in jenem Landesteil nahe der Grenze zu Kamerun, die Bura, die Margi, die Higi und andere, waren schon im 19. Jahrhundert durch eine moslemische Oberschicht verachtet, unterdrückt und gedemütigt worden. Sie hatten sich deshalb eher der christlichen Mission geöffnet. Die blühende Kirche war schnell gewachsen. Als sie 1973 selbständig wurde, hatte sie ca. 20 000 getaufte Mitglieder. Im Jahr 2009 waren es bereits über 900 000, nicht nur auf dem Land, sondern auch in den großen Städten. Nun traf sie, zusammen mit Moslems, mit denen sie viele Jahrzehnte lang friedlich zusammengelebt hatten, in den letzten Jahren diese Welle der Verfolgung!

Eine Erfahrung soll hier für viele stehen. 2009 brachen Boko Haram–Fanatiker mitten in der Nacht in das Haus von Monica Dna und ihrer Familie ein. Vor ihren Augen köpften sie ihren Mann und schnitten zwei von dreien ihrer Söhne die Kehle durch. Dann wandten sie sich ihr zu, schnitten sie in den Arm, den sie zum Schutz hochhub, schnitten ihr auch in den Hals und ließen sie halbtot zurück. Ein Nachbar fand sie. Er sah, dass sie noch lebte und brachte sie zum Krankenhaus. Nach 6 Jahren und mehreren Operationen braucht sie immer noch viel Behandlung. Doch das Trauma jener Nacht, der Tod ihres Mannes und ihrer zwei Kinder, ist noch schwerer zu ertragen als ihre langsame leibliche Genesung. Sie sagt, sie könne nur durchhalten in der Kraft Jesu und mit der Hilfe von anderen Witwen in der Stadt Jos, wo sie schließlich Unterschlupf gefunden hatte.

Monica ist nur eine von mehr als 1,5 Millionen Menschen, die in den nordöstlichen Provinzen vertrieben wurden und von ähnlichen Schrecken zu erzählen haben. Weltweit bekannt wurde 2014 das Schicksal von 276 Schulmädchen, die aus einem Internat in Chibock entführt wurden. 178 von ihnen gehörten zur Kirche der Geschwister, die dort eine große Gemeinde hatte. Die meisten sind bis heute noch nicht gefunden worden. Bis zum Sommer 2015 zählte die Kirche mehr als 10 000 Tote und 170 000 Flüchtende, von denen viele wochenlang in den Wäldern versteckt leben mussten. 2092 Gemeindeleiter und Älteste teilten dieses Schicksal. 278 Kirchen wurden zerstört, einige mehrmals.

Bei Jos und Abuja engagiert sich die Kirche seitdem mit Neuansiedlungen für Witwen und ihren Kindern. Christen aus Übersee unterstützen diese Projekte, unter anderen auch die Basler Mission (Deutscher Zweig) und unsere Kommunität in Selbitz, samt dem Kreis ihrer Tertiärgeschwister. Doch auch viele Familien im Land haben ihre Häuser geöffnet. Einer unserer Bekannten, Marcus Gamache und seine Frau Janata, haben wochenlang Flüchtende in ihrer Hofstatt beherbergt, unter ihnen auch Moslems, manchmal bis zu 52 Erwachsene und Kinder auf einmal.

In all diesen Schrecken hält diese Kirche am Friedensauftrag der Bergpredigt fest. Nur wenige Glieder verließen sie aus Angst oder haben sich lokalen Bürgerwehren angeschlossen. Anders als bei der Nigerianischen Armee in ihren Rückeroberungskampagnen sollte Vergeltung und Gegengewalt nicht von ihren Reihen ausgehen. Sie engagieren sich stattdessen bei einer „Christian and Muslim Peace Initiative“ (CAMPI) mit ihrem Aufruf „Do Something For Peace“ (Tu etwas für den Frieden), oder bei einer Kampagne „The Imam and the Pastor“. Diese klare Haltung – Dialog statt Konfrontation – der Kirche der Geschwister hat inzwischen im ganzen Land und bei den anderen Kirchen Achtung und Ermutigung geweckt.

Gut, wenn dieses Beispiel einer konsequenten Friedenshaltung in der Ökumene bekannt wird. Wir brauchen viele solcher Beispiele (Eine wichtige, lesenswerte Sammlung davon hat Markus A. Weingardt vorgestellt in: „Religion macht Frieden. Das Friedenspotenzial von Religionen in politischen Gewaltkonflikten“). Der Bekanntwerdung diente jetzt im Mai auch die Verleihung des Michael-Sattler-Friedenspreises 2016 vom Deutschen Mennonitischen Friedenskomitees an die EYN und an CAMPI in Rottenburg. Dort drückte auch der gerade 90 Jahre alt gewordene, Professor Jürgen Moltmann aus Tübingen seine Bewunderung für das Zeugnis dieser Kirche aus.

Er sprach sich am Ende seiner Ansprache sogar dafür aus, den Menschen von Boko Haram zu vergeben:

Das heißt, ihnen den Weg zum Leben zu zeigen, und das Böse, das sie in ihren Opfern an Hass und Vergeltungssucht erwecken, zu überwinden. Insofern öffnet die Vergebung den Tätern die Chance zur Umkehr und macht die Opfer frei von der Fixierung auf die Täter. Wir wünschen nicht, dass die Menschen von Boko Haram vernichtet werden, sondern dass sie zu einem Leben in Frieden bekehrt werden. Wir lassen uns durch die Feindschaft nicht zu Feinden unserer Feinde machen, sondern sehen auf den Willen unseres Vaters im Himmel, dessen Kinder wir sind und bleiben wollen. Wir danken der „Kirche der Geschwister“ und der Christlich-Muslimischen Friedensinitiative für ihr Friedenszeugnis in Todesgefahren und sind ihre Geschwister und Freunde.

Das Beispiel der EYN, die auch im Leiden an der Botschaft vom Frieden festhält, lässt uns aufmerken: Können wir in Deutschland Gewalt, Rüstung und Kriegseinsätze, wenn auch als letzte Option, als Christen noch vertreten? Ist es nicht auch für uns Zeit, endlich zu einer Friedenskirche zu werden wie diese unsere afrikanischen Geschwister? Ich sage, das wäre eine neue Reformation, die wir so nötig haben!


Alle Bilder mit freundlicher Genehmigung von Peggy Gish, plottingpeace.wordpress.com.

nigerian drummers praying Gottesdienst der EYN Kirche in Jos, Nigeria
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Von Photo of Hans Haselbarth Hans Häselbarth

Hans Häselbarth ist Pfarrer der Lutherischen Landeskirche in Bayern und lebt seit seiner aktiven Dienstzeit in Rothenbürg bei Selbitz. Er wurde 1936 in Dresden geboren und ist aufgewachsen in Mittelfranken. Nach seiner Schulzeit studierte er evangelische Theologie in Tübingen, Göttingen, Bonn, Berlin und Neuendettelsau.

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