Morning over the bay

Leben steht auf dem Spiel

von Curtis Meier

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Der Autor ist Krankenpflegeschüler in London.

Während meines Praktikums in diesem Sommer als Notfallsanitäter fuhr ich einen neunjährigen Jungen, der an einer degenerativen Erkrankung leidet zum Krankenhaus. Charlie war völlig bettlägerig und von einer Beatmungshilfe abhängig. Er wird durch einen Magenkatheter künstlich ernährt und war nicht in der Lage zu reden.

Charlies Vater ließ uns in die Wohnung – ein kräftiger Mann Ende Fünfzig, der sein rotes Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte. Mit dem Stolz eines Vaters brachte er uns zum Bett. „Das ist mein Sohn Charlie,“ sagte er, während seine Finger zärtlich durch das lange blonde Haar des Jungen strichen. Es war ganz offensichtlich, wieviel Charlie ihm bedeutete, nachdem er nun schon die ganzen neun Jahre rund um die Uhr für Charlie gesorgt hatte. Man konnte es an Charlies strahlenden Augen sehen, die seinem Vater durch den ganzen Raum folgten, dass er einzig durch die Liebe und bedingungslose Hingabe des Vaters überhaupt noch am Leben war.

Charlie musste wegen Atmungsproblemen ins Krankenhaus gebracht werden und nachdem wir das getan hatten, saßen wir im Krankenwagen für eine Nachbesprechung, bevor es zum nächsten Einsatz gehen würde.
„Ich denke, dass manche Fälle ganz eindeutig Euthanasie rechtfertigen,”  platzte es aus mein Kollegen Casey heraus.

Ich war fassungslos. Das war nicht der Eindruck den diese Situation bei mir hinterlassen hatte. „Ich werde niemals Euthanasie zustimmen. Niemals!“ Gab ich ganz unverblümt von mir.

“Weißt du, das habe ich auch gedacht, bis mein Neffe starb. Er war sechzehn. Er starb an einer Spinalen Muskelatrophie. Den Schmerz und das Leid, das es sowohl ihm als auch der ganzen Familie bracht, werde ich nie vergessen! Es gibt schon so viel Tod und Dunkelheit in dieser Welt, warum sollte man da noch mehr hinzufügen?“

“Aber es gibt doch auch gute Erinnerungen, oder?”

“Natürlich – ein paar wenige, aber die meisten sind doch schwer.”

“So schwer diese Erinnerungen auch sind, wären sie denn einfacher wenn du einer Euthanasie für ihn zugestimmt hättest?“

“Ich weiß nicht,” sagte Casey.

Wir sprachen über Leiden und Tod und Gott. Ich fragte, dass wenn es einen Gott gibt ob wir dann überhaupt ein Recht haben, selbst zu bestimmen wann unser eigenes Leben enden soll, geschweige denn, das eines anderen Menschen?

Aber wenn es einen Gott gibt, warum gibt es dann überhaupt Leiden, argumentierte Casey.

Ich sagte, “Casey, ich denke es ist wie mit Ying und Yang – es gibt so viel Böses, genauso wie Gutes. Aber ich bin davon überzeugt, dass das Gute am Ende überwiegt. Es gibt doch schon so viel Tod und Dunkelheit in dieser Welt. Warum wollen wir dem noch mehr hinzufügen? So viele sterben, die wir nie zurückbringen können. Warum den Tod auch an die verteilen die leben können? Als Rettungssanitäter haben wir die drei P: protect, prevent, und promote (beschützen, verhindern und fördern) – diese drei stehen doch auch für pro-life (für das Leben). Wir haben keinen Grund den Tod zu fördern.“

Casey musste eingestehen, dass man als Rettungssanitäter manchmal Gefahr läuft zynisch zu werden. Man sieht all das Böse, das von Menschen verübt wird und verliert leicht die Hoffnung für diese Welt.

Während der folgenden Tage, musste ich immer wieder an mein Gespräch mit Casey und an Charlie und seinen Vater denken. Wenn es diese menschliche Zuwendung und Liebe, wie ich sie zwischen den beiden erlebte nicht gäbe, würde ich auch verzweifeln.

Die Bibel warnt uns, dass in den letzten Tagen dieser Welt die Herzen vieler Menschen erkalten. Wenn ich an die Folgen davon denke, schüttelt es mich. Menschen sind in der Lage aktiv für den Tod in allen möglichen Erscheinungsformen zu arbeiten: Krieg, Abtreibung, Euthanasie. Ohne Liebe, schauen wir mit einem kalten und klinischen Blick auf das Leben, als etwas worüber wir Macht besitzen; nicht als ein Geschenk Gottes, das wir schützen und bewahren sollten.

Warum, habe ich mich gefragt, habe ich auf das Thema so stark reagiert? Ich musste daran denken, wie ich als Teenager in einem Hospiz aushelfen durfte, ganz einfach um genug Praktika für meine spätere Bewerbung vorzeigen zu können. Aus dieser Zeit blieb eine außergewöhnliche Erinnerung haften.

David war fünfundsechzig als Darmkrebs im Endstadium diagnostiziert wurde. Acht Monate nach der Diagnose hatte er ein Zimmer im Hospiz und man sah ihm die Folgen von Operationen, Bestrahlung und Chemotherapie an. David verbrachte nur wenig Zeit allein in seinem Zimmer, denn er bevorzugte den Gemeinschaftsraum, wo die anderen Bewohner saßen und mit ihm redeten. Er strahlte eine Herzlichkeit aus, die die anderen aufmunterte und ermutigte.

Ich habe mich oft zu David in den Gemeinschaftsraum gesetzt. Man konnte in seinen Augen eine tiefe Freude sehen, obwohl sein Gesicht schon ganz eingefallen und gelb verfärbt war; der Krebs aß ihn innerlich auf. „Mein Leben war nur noch Harley-Davidsons,” erzählte er mir einmal und rollte seine Ärmel auf um die beeindruckenden Tätowierungen zu zeigen. „Als ich hörte, dass ich Krebs habe, war alles aus für mich. Damals habe ich an Euthanasie gedacht. Ich weiß nicht, warum sich meine Haltung geändert hat, aber dieses letzte Jahr war bis jetzt das beste meines Lebens. Kannst du erraten warum?“ strahlte er mich an. „Ich habe Glauben an Gott gefunden. Nun ist jeder Tag ein Wunder.” Diese Stunden mit David haben meinen eigenen Glauben neu entfacht, der befleckt und leer geworden war. Ich danke Gott, dass David noch lebte, um mir zu helfen. David zeigte mir, dass Gott einen Plan für jeden Menschen hat und nicht möchte, dass wir auch nur einen Moment davon verpassen.

Ich habe auch an meinen Großvater Klaus gedacht, der als Arzt ganz genau seine eigene, sich ständig verschlechternde Gesundheit im Blick behielt. Am Ende seines Lebens an einem Dezembertag wurde er plötzlich so schwach, dass er 24-Stunden-Pflege brauchte. Das war eigentlich nichts Neues für ihn, denn er war oft sehr plötzlich sehr krank geworden und zeigte dann ein großes Interesse an allen anstehenden Tests und Behandlungen. Diesmal war es jedoch anders. Obwohl der Termin für den MRI San und andere Untersuchungen schon feststand, sprach er plötzlich ein Machtwort und sagte: „Jetzt wollen wir daran denken, dass Weihnachten kommt! Ab jetzt gibt es keine Tests mehr.“ Und so geschah es dann auch!

Mein Großvater hat dann noch drei weitere Jahre gelebt, ganz frei vom medizinischen Regiment und Arztterminen. Nun fühlte er sich ganz frei die Zeit, die ihm noch blieb, im Kontakt mit anderen zu nutzen. Er entwickelte dazu immer neue, kreative Wege. Seine Frau, meine Großmutter, stand ganz hinter seiner Entscheidung, unterstützte ihn und blieb bis zu seinem Ende an seiner Seite.

Das sind echte Lebenssituationen. Leiden kommt auf jeden irgendwann und irgendwie zu – niemand kann das vermeiden. Irgendwann kommt dann der Tod auf jeden von uns zu, sei es schnell und schmerzlos oder lang und schwierig. Wir müssen einander zur Seite stehen und die Hand des Leidenden halten. Leiden ist eine Glaubensprüfung, aber auch ein Test für unsere Freundschaft und Hingabe und so kann Leiden auch unsere zwischenmenschlichen Beziehungen stärken und uns näher zusammenführen.

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