detail from Wu Guanzhong, The Yangtze River in 1974 oil painting

Bonhoeffer in China

Ein Interview

von Yu Jie

Verfügbare Sprachen: English

9 Kommentare
9 Kommentare
9 Kommentare
    Abschicken
  • Christoph Meyer

    Erschütternd. Beschämend. Ernüchternd. Auch beim Thema "China" haben wir's nicht nur mit großer Erweckung zu tun (das auch!!! Halleluja!!) sondern eben auch mit großem Menscheln... Es ist aber auch bewundernswert und mahnend, wie hier ein chinesischer Bruder im Herrn Dinge klar sieht und ausspricht. Und darin auch Mut machend. Der Artikel hat meine Frau und mich sehr beeindruckt.

  • Christiane Mack

    Ich habe gerade das Interview mit dem chinesischen Autor gelesen. Das Zitat „wir brauchen kleine Gemeinschaften …“ spricht voll in meine/unsere Situation. Wir erleben zur Zeit viele Widerstände, aber die sind „peanuts“ gemessen an dem, was die Geschwister in China vor sich haben.

  • Ursula Sohsalla

    Ein bewegender Artikel und ein großes Zeugnis für den Glauben und seine Kraft.

  • Mechthild Knoll

    Vielen Dank für das Interview, das ist wirklich sehr interessant und zeigt einmal mehr, worin die "ureigenste Wahrheit" des Christentums besteht.

  • Werner Schindler

    Herzlichen Dank für den Link zu diesem Artikel! Habe die „China-Geschichte“ gleich heute in eine Bibelstunde eingebaut und Teile daraus vorgelesen.

  • Antje Heider-Rottwilm , Church and Peace e.V.

    Herzlichen Dank für dieses eindrucksvolle Interview!

  • Georg Schubert, Stadtkloster Segen

    Das ist wirklich spannend zu lesen und zu hören von der Bewegung in China.

  • Wolfgang Krauss

    Hat mich von der Arbeit abgehalten! Hab den Artikel gleich gelesen. Sehr beeindruckendes Zeugnis! "... es sind Leute, die von früh bis spät hart arbeiten müssen -, aber weil wir denselben Herrn haben, kamen sie uns besuchen. Dabei durften sie nicht einmal unser Haus betreten; sie mussten sich vor das Fenster stellen und uns Lieder singen und Grüße zurufen." So war es auch 1529 in Schwäbisch Gmünd, wo die Geschwister den 7 Gefangenen vor dem Turm vorsangen. Dann wurde öffentliches Singen ganz verboten. Schalom!

  • Sr. Monika Andörfer

    Bonhoeffer in China ist eine aktuelle sehr beeindruckende Geschichte vom Wirken Gottes trotz massiver Widerstände und Verfolgung.

Plough: Man hat Sie „einen der prominentesten Essayisten und Kritiker Chinas“ genannt (New York Review of Books). Jetzt jedoch stehen Ihre Bücher in China auf dem Index, und Sie leben seit 2012 in den USA. Aus welchem Grund haben Sie im Ausland politisches Asyl gesucht?

Yu Jie: Am 8. Oktober 2010 wurde bekannt gegeben, dass der chinesische regimekritische Autor Liu Xiaobo für den Friedensnobelpreis ausgewählt worden war. Damals saß er im Gefängnis eine elfjährige Haftstrafe wegen staatsgefährdender Umtriebe ab (er wurde im Mai 2017 entlassen, nachdem bei ihm eine unheilbare Krebserkrankung diagnostiziert worden war). Die Behörden wussten, dass Liu und ich gute Freunde waren – wir kannten einander seit zwölf Jahren, und ich war dabei, seine Biografie zu schreiben. Sofort nach der Bekanntgabe wurden meine Frau Liu Min und ich unter Hausarrest gestellt.

Die Zeremonie, bei der Liu in Abwesenheit der Friedensnobelpreis verliehen wurde, fand am 10. Dezember statt. Der Tag davor war der schrecklichste meines Lebens. Agenten der Geheimpolizei in Zivil entführten mich aus meinem Haus, zogen mir eine schwarze Kapuze über den Kopf und brachten mich in eine Zelle. Sechs Stunden lang folterten sie mich beinahe zu Tode. Sie sagten mir: „Wenn unser Vorgesetzter es anordnet, werden wir ein Loch ausheben und dich lebendig begraben.“ Mir wurden alle Kleider ausgezogen, und ich wurde brutal geschlagen, während sie Fotos machten. Dann bogen sie mir einen Finger nach dem anderen nach hinten und sagten, sie würden mir die Finger brechen, die ich benutzt hatte, um gegen die Kommunistische Partei zu schreiben. Irgendwann verlor ich das Bewusstsein.

Das erste Krankenhaus, in das sie mich brachten, verweigerte mir die Behandlung. Daraufhin brachten sie mich in ein moderneres Krankenhaus. Die Ärzte dort sagten mir, wäre die Folter noch eine halbe Stunde weitergegangen, hätte ich nicht überlebt.

Wissen Sie noch, was Sie während des Verhörs gedacht haben?

Bevor ich das Bewusstsein verlor, betete ich innerlich zu Gott. Ich konnte seine Gegenwart deutlich spüren und hatte die Gewissheit: Ohne dass Gott es zulässt, wird mir kein Haar vom Kopf fallen. Außerdem fielen mir diese Worte ein: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können.“ Diese beiden Verheißungen Jesu waren mein Gebet.

Nach meiner Entführung stand meine Frau immer noch unter Hausarrest. Alle Telefonanschlüsse und das Internet waren gekappt, und fünf Tage lang hatte sie keinerlei Möglichkeit, herauszufinden, wo ich war. Der Stress war so groß für sie, dass ihr die Hälfte ihrer Haare ausfielen. Zum Glück hatte Gott es so geführt, dass wir kurz vorher unseren zweijährigen Sohn auf Besuch zu seinen Großeltern gebracht hatten. Dadurch blieb ihm dieses Erlebnis erspart.

Nach meiner Festnahme und Folter versuchte man, mich zu bestechen – sie versprachen mir, wenn ich aufhörte, das Regime zu kritisieren, würden sie mir eine Plattform bieten, um populäre Literatur zu schreiben, und ich würde reich werden.

Auch nach meiner Freilassung gab es weiterhin Schikanen und immer wieder Zeiten des Hausarrests. Ich konnte nicht in den Gottesdienst gehen oder an Bibelarbeiten teilnehmen; von meinen christlichen Brüdern und Schwestern war ich abgeschnitten. Ich schaute in die Augen meines Sohnes und fragte mich, was für ein Vater ich ihm sein könnte, wenn wir in dieser unmöglichen Situation in China blieben. Und so kamen wir im Januar 2012 in die Vereinigten Staaten.

Erwachen

Sie sind nicht als Christ aufgewachsen. Gab es in Ihrer Kindheit und Jugend Einflüsse, die den Boden für Ihre spätere Bekehrung bereiteten?

Ich bin in der Stadt Chengdu in der Provinz Sichuan geboren, einer schönen Gebirgsregion mit einer langen Geschichte des Widerstandes gegen die kaiserliche Macht in Beijing. So habe ich von Geburt an eine Abneigung gegen zentralisierte Macht in mich aufgesogen.

Mein Vater ist Ingenieur. Sein Denken und sein Lebensstil waren ziemlich westlich geprägt, und schon, als ich noch ein kleiner Junge war, behandelte er mich als gleichrangig. In der konfuzianischen Kultur, die Hierarchien stark betont, war das eine Seltenheit.

Der Moment meines politischen Erwachens kam, als ich sechzehn war und auf die Oberschule ging. Ich erinnere mich noch genau, wie ich die Nachricht von dem Massenmord an protestierenden Studenten auf dem Tiananmen-Platz in Beijing hörte. Dieser Tag, der 4. Juni 1989, war ein Wendepunkt für mich – damals fing ich an, die wahre Natur des kommunistischen Regimes zu durchschauen. Dessen Lügen würde ich nie wieder Glauben schenken.

Drei Jahre später kam ich als Student der Peking-Universität, der ältesten und exklusivsten Hochschule Chinas, selbst nach Beijing. Acht Jahre lang studierte ich dort und erwarb einen Mastergrad. Doch viel wichtiger als mein formeller Lehrplan waren mir meine unabhängigen Studien in der Bibliothek. Dank einer freundlichen Bibliothekarin, die es mit den Regeln nicht so genau nahm, bekam ich Zugriff auf indizierte Bücher, die in Taiwan erschienen waren. Ich las Schilderungen der Kampagne des zivilen Ungehorsams gegen die autoritäre Regierung Taiwans in den 1970ern und 1980ern und erfuhr, wie eine pro-demokratische Bewegung erfolgreich sein kann. Was mich besonders beeindruckte, war die herausragende Rolle, die die taiwanesischen Kirchen in dieser Bewegung gespielt hatten.

Aber Sie haben das immer noch einfach aus der säkularen Perspektive beobachtet.

Stimmt. 1998, noch als Student, veröffentlichte ich mein erstes Buch, Feuer und Eis, eine Sammlung satirischer Essays, in denen ich die chinesische Gesellschaft kritisierte. Im Rückblick staune ich, dass das Buch überhaupt an den Zensoren vorbeikam. Aber das war das Jahr, in dem Bill Clinton China besuchte – als erster US-Präsident seit dem Massaker auf dem Tiananmen-Platz. Die chinesische Führung wollte China in den westlichen Medien als freie Gesellschaft dargestellt sehen. Wie ließe sich das besser bewerkstelligen, als indem man das Erscheinen eines regimekritischen Buches zuließ?

Die Motive der Behörden waren zwar zynisch, aber mein Buch profitierte davon, und ich gewann einen meiner besten Freunde: Ein Exemplar gelangte zu Liu Xiaobo ins Gefängnis. Zwei Jahre später wurde er entlassen, und wir lernten einander kennen. Er machte mich mit den Tiananmen-Müttern bekannt, deren Söhne und Töchter auf dem Tiananmen-Platz umgekommen waren. Die Folge war, dass ich mich in der chinesischen Menschenrechtsbewegung zu engagieren begann.

Unser Wunsch ist es, die Trennung aufgrund von Klassenzugehörigkeit und sozialem Status zu überwinden.

Im selben Jahr 2000 schloss ich mein Studium ab, und Liu Min und ich heirateten. Unser erstes gemeinsames Jahr verbrachten wir in der Provinz Guangdong im Südosten, wo wir ein pro-demokratisches Schulbuch für Kinder herausgaben – wir wollten eine Alternative zur Propaganda in den staatlichen Schulbüchern. Einer unserer Mitarbeiter, ein Christ, schlug vor, Lesungen aus der Bibel mit aufzunehmen, die ja ein historisch wichtiger Text sei. Sein Vorschlag fand ein geteiltes Echo, aber meine Frau und ich horchten auf. Als wir zurück nach Beijing zogen, fing sie an, auf der Fahrt zur Arbeit und zurück in der U-Bahn in der Bibel zu lesen. Mit der Zeit wurde sie überzeugt von dem, was sie dort las, und sie wurde Christin.

Ich brauchte zwei Jahre, um ihr zu folgen. Ein Grund dafür ist der hohe Status, den die traditionelle chinesische Kultur den Gelehrten zuerkennt. Trotz der offiziellen Ablehnung des Konfuzianismus durch die Kommunistische Partei ist uns Chinesen immer noch die konfuzianische Weltanschauung in die Wiege gelegt. Das hat sehr positive Aspekte: Wir werden dazu erzogen, das Wohl der ganzen Nation – ja sogar der ganzen Welt – über unsere selbstsüchtigen Ziele zu stellen. Doch der Konfuzianismus legt auch ein starkes Gewicht auf die Selbstkultivierung: Man strebt danach, durch eigene moralische Anstrengungen zum Heiligen zu werden. Von dieser Denkweise zur christlichen Lehre von der völligen Verderbtheit der menschlichen Natur – die natürlich der Calvinismus besonders stark betont – überzugehen, war eine gewaltige Umwälzung für mich.

Ohne die Erleuchtung durch den Heiligen Geist könnten Leute wie ich, glaube ich, nie ihren Stolz aufgeben. Als chinesische Intellektuelle glauben wir, unsere Würde und unser Gesicht wahren zu müssen. Ich weiß noch, wie ich vor meiner Taufe zu meiner Frau sagte, ich könnte mich nie taufen lassen, weil die Zeremonie unter anderem vorsah, dass man sich vor dem Pastor verneigte.

Yu Jie and his family shortly after their arrival in the United States in January 2012 Yu Jie und seine Familie kurz nach ihrer Ankunft in den Vereinigten Staaten im Januar 2012. Foto: Cliff Owen / AP Photos .
detail from Wu Guanzhong, The Yangtze River in 1974 oil painting

Die Beijing-Arche

Wie kam es dann trotz Ihres Widerstrebens zu Ihrer Taufe?

Ich befand mich mit etwa hundert Leuten einer Hausgemeinde im Untergrund in einem kleinen Raum. Der Pastor rief meinen Namen, und der Geist kam. Ich erkannte meine Verderbtheit, meine Sündhaftigkeit, und die Tränen begannen zu fließen.

Wir begannen dann mit insgesamt drei Paaren einen Bibelkreis. Immer mehr Leute kamen dazu, und wir mieteten eine Wohnung für unsere Versammlungen. Bald sandte Gott uns einen Pastor, der die Gemeinde leitete. Wir wollten, dass sie offen für die Allgemeinheit war, nicht nur eine private Gemeinschaft. Allerdings wollten wir auch keine Megachurch werden; unsere Vision war, eine kleine Gemeinschaft zu bleiben, in der wir einander kennen und lieben könnten. Wir nannten sie die Beijing-Arche.

Viele politisch „sensible“ Leute schlossen sich unserer Gemeinde an: regimekritische Schriftsteller, Angehörige von Opfern vom Tiananmen-Platz und Juristen, die dem Regime widerstanden. Meistens haben Leute mit einem derartigen Hintergrund Schwierigkeiten, eine Gemeinde zu finden, die sie aufnimmt – die Gemeinden haben zu viel Angst vor der Geheimpolizei. Weil wir solche Leute mit offenen Armen empfingen, waren wir Schikanen ausgesetzt. Zum Beispiel mussten wir 2006 innerhalb von zwei Monaten sechs Mal unseren Versammlungsort wechseln, weil die Polizei die Vermieter unter Druck setzte.

Aber unsere Gemeinde besteht nicht nur aus Intellektuellen. Auch Zugezogene vom Land schlossen sich uns an, wie auch andere mit handwerklichen Berufen. Ein Bruder, der jetzt Theologie studiert, war zuvor mit dem Vertrieb von Raubübersetzungen der Harry-Potter-Bücher reich geworden – nach seiner Bekehrung verwandelte sich sein Leben völlig. Unter den Mitgliedern herrscht eine enge Gemeinschaft und gegenseitige Beziehung; wir wünschen uns, die Trennung nach Klassenzugehörigkeit und sozialem Status zu überwinden.

Deshalb werde ich auch nie die kirchliche Gemeinschaft verlassen, in die ich getauft bin und in der ich Christ wurde. Obwohl ich jetzt schon seit fünf Jahren in den Vereinigten Staaten lebe, bin ich immer noch Mitglied jener Gemeinde und halte Kontakt zu den Brüdern und Schwestern dort.

Dagegen schließen sich die meisten chinesischen Intellektuellen, die sich bekehren und sich taufen lassen, keiner lokalen Gemeinde an. Sie haben Angst davor, ihre Unabhängigkeit zu verlieren und sich dem Leben der Gemeinschaft unterordnen zu müssen, was teilweise daran liegt, dass die kommunistische Form der Gemeinschaft so viel Furcht und Verletzungen mit sich gebracht hat. Selbst diejenigen, die zu einer Gemeinde gehen, vermeiden es oft, sich gegenüber den Brüdern und Schwestern bis in die Tiefe zu öffnen.

Nun erhebe ich nicht den Anspruch, ein besserer Christ zu sein als sie. Dennoch bin ich Gott dankbar, dass er mich in eine konkrete kirchliche Gemeinschaft gerufen hat, der meine Frau und ich treu bleiben können. Meine Gemeinde hilft mir, mein Christsein im Alltag auszuleben – es ist nicht nur eine abstrakte Theorie. Zum Beispiel hat keiner meiner Kollegen von der Peking-Universität mich besucht, nachdem meine Frau und ich unter Hausarrest gestellt wurden. Viele Mitglieder unserer Gemeinde dagegen schon. Sie hatten nie meine Bücher gelesen oder sich mit meinen Gedanken befasst – es sind Leute, die von früh bis spät hart arbeiten müssen –, aber weil wir denselben Herrn haben, kamen sie uns besuchen. Dabei durften sie nicht einmal unser Haus betreten; sie mussten sich vor das Fenster stellen und uns Lieder singen und Grüße zurufen.

Christliche Politik

Wie hat sich Ihre Bekehrung auf Ihren politischen Aktivismus ausgewirkt?

Manche Leute ziehen sich aus dem Aktivismus zurück, wenn sie Christen werden, aber meine Bekehrung hat mich dazu geführt, umso überzeugter und begeisterter für Menschenrechte einzutreten. Nach meinem Verständnis sind Menschenrechte ein Geschenk Gottes, der uns geschaffen und uns Leben, Freiheit und Würde verliehen hat. Diese Rechte werden nicht durch irgendein nationales Staatswesen bestimmt. Der chinesische Staat definiert Menschenrechte als das Recht auf Überleben – womit kaum ein Unterschied zwischen Menschen und Tieren gemacht wird.

Die Religionsfreiheit hängt eng mit den anderen Menschenrechten zusammen; sie ist ein Aspekt unseres Gesamtanliegens. Wir können die Religionsfreiheit nicht isolieren, und sie ist weit mehr als nur die Freiheit, Gott in einem Kirchengebäude anzubeten. Zur Religionsfreiheit gehört auch die Pressefreiheit und das natürliche, gottgegebene Recht der Eltern, ihre Kinder nach ihren eigenen Überzeugungen zu erziehen.

Hat Ihr Glaube Ihre Herangehensweise an die Politik irgendwie verändert?

Ja, meine Haltung hat sich dadurch ziemlich radikal gewandelt. Vor meiner Bekehrung habe ich mich selbst als öffentlichen Intellektuellen gesehen, als einen Gelehrten, der die Funktion des Gewissens der Gesellschaft einnimmt. Ich glaubte, da der Kommunismus für so viele Übel und Katastrophen verantwortlich war, sei es meine Aufgabe, mich für seinen Sturz einzusetzen. Ich setzte alles daran, die Lügen der Kommunistischen Partei zu entlarven und ihre Skandale an die Öffentlichkeit zu bringen.

Wenn man einer verfolgten Gemeinde angehört, dann tut man das nur um der Wahrheit willen.

Nach meiner Bekehrung wurde mir klar, dass auch ich ein Sünder war. Das Problem ist nicht nur die Kommunistische Partei – wir alle tragen ja zu den Übeln unserer Welt bei. Heute liegt mein Schwerpunkt darauf, prophetisch darüber nachzudenken, wie wir das Land nach dem Zusammenbruch des Kommunismus wieder aufrichten können. Dieser Wiederaufbau wird durch die Verwandlung menschlicher Herzen durch die Botschaft Christi geschehen.

Seit meiner Wandlung vom humanistischen Intellektuellen zum christlichen Autor habe ich weitere Feinde gewonnen. Die Konfuzianer sind gegen mich, weil sie in mir einen Feind der traditionellen chinesischen Kultur sehen. Die Nationalisten sind gegen mich, weil ich das weltweite Reich Gottes propagiere.

Gemeinschaft und Widerstand

Sie haben über den Einfluss Dietrich Bonhoeffers auf Sie geschrieben, besonders durch sein Buch Gemeinsames Leben. Warum gerade dieses Buch?

Gemeinsames Leben hat enorme Bedeutung für chinesische christliche Intellektuelle, weil so viele von ihnen das Christsein individualistisch angehen, als eine Privatsache, und sich nie am Leben der Gemeinde beteiligen. Wenn sie vom christlichen Glauben sprechen, dann werfen sie mit philosophischen Begriffen um sich, wodurch weniger Gebildete ausgeschlossen bleiben. Ein angesehener Gelehrter, der viele christliche Bücher ins Chinesische übersetzte, hat sich auf diese Weise isoliert und wurde schließlich zum Faschisten. Deshalb ist das gemeinsame Leben mit den Brüdern und Schwestern lebenswichtig für unsere christliche Jüngerschaft. Das hat Bonhoeffer erkannt. Selbst in den schrecklichsten Zeiten tat er sein Bestes, in irgendeiner Form gemeinschaftliches Leben mit anderen zu pflegen.

Allerdings sah Bonhoeffer gemeinschaftliches Leben auch nie als eine Form des Rückzugs.

Deshalb ist er heute einer der wichtigsten Theologen für die chinesische Gemeinde. Unsere Situation hat gewisse Parallelen zu derjenigen der Christen in Deutschland unter dem Nationalsozialismus – besonders seit dem Machtantritt Xi Jinpings als Präsident Chinas vor vier Jahren. Der Gemeinde in China mangelt es weithin an den geistlichen Kraftquellen, die sie braucht, um für diesen für unsere gesamte Gesellschaft kritischen Moment gewappnet zu sein. Die älteren Gemeinden neigen zum Fundamentalismus und konzentrieren sich nur auf geistliche Fragen – um das, was sich in der Öffentlichkeit tut, kümmern sie sich kaum. Den in den Städten entstehenden neueren Gemeinden indessen fehlt die robuste Verbindung zu den großen Traditionen des Christentums, etwa zu den Reformatoren. Sie sind am stärksten von der populären amerikanischen Gemeindekultur beeinflusst: extrem charismatische Gottesdienstformen, Wohlstandsevangelium und ein Megachurch-Modell, bei dem es nur um Zahlen geht. In Beijing und Schanghai gibt es sogar Gemeinden, in denen nur reiche Geschäftsleute Mitglied werden können.

Weil ihnen die Wurzeln fehlen, treten diese neuen Gemeinden allzu oft in eine gefährliche Falle: Sie passen sich kulturell an, statt Widerstand zu leisten. In diesem Sinne wiederholen sie aus meiner Sicht das, was mit den chinesischen Protestanten passierte, die sich zu Zeiten des Vorsitzenden Mao für eine Zusammenarbeit mit den Kommunisten entschieden, indem sie sich der staatlich kontrollierten Kirche der Drei-Selbst-Bewegung anschlossen. Diese bis heute bestehende Kirche hatte ihren Ursprung in einer politischen Manipulation durch die Kommunistische Partei während des Korea-Krieges, die darauf zielte, Christen in die regimefreundliche patriotische Bewegung einzubinden. Indem sie sich darauf einließ, gab die Kirche ihre ureigenste Wahrheit und ihre unabhängige Stimme auf. Heute beobachten wir etwas Ähnliches bei den neuen Gemeinden des Wohlstandsevangeliums, die bei prinzipiellen Dingen und Gewissensfragen Kompromisse machen, um es sich mit dem Regime nicht zu verscherzen.

In einer solchen Situation ist das Zeugnis Bonhoeffers äußerst wichtig – nicht nur seine Gedanken, sondern mehr noch das Beispiel, das er gab, indem er sein Leben für den Glauben ließ. Bonhoeffer beteiligte sich persönlich in der Anti-Hitler-Bewegung. Sein Zeugnis sollte uns herausfordern, darüber nachzudenken, wie wir christlichen Glauben mit Widerstand vereinen können.

detail from Wu Guanzhong, The Yangtze River in 1974 oil painting

Durch Verfolgung

Tertullian sagte: „Das Blut der Märtyrer ist der Same der Kirche.“ Trifft das auf die Gemeinde in China zu?

Nach unseren Erfahrungen in der Beijing-Arche absolut, denn die Verfolgung hat die Gemeinde geläutert. Wenn man einer verfolgten Gemeinde angehört, dann tut man das nur um der Wahrheit willen – andere Motive dafür kann man nicht haben. Die Bibel und die Kirchengeschichte zeigen, dass wahre Gläubige zu allen Zeiten in irgendeiner Form Verfolgung erleben. Wir haben in Asien ein Sprichwort: „Gründe zur Sorge stimulieren das Leben, aber Vergnügen und Bequemlichkeit bringen den Tod.“

Durch die Verfolgung unserer Gemeinde ist unser brüderliches Band besonders stark. Nehmen Sie zum Beispiel den Bruder aus meiner Gemeinde, der auf dem Tiananmen einen Schuss ins Bein bekam; aufgrund seiner Behinderung braucht er eine halbe Stunde länger, um in die Gemeinde zu kommen, und dennoch ist er immer pünktlich da. Die Gemeinden hier in Amerika genießen mehr Freiheit, doch viele kommen zu spät zum Gottesdienst oder spielen während der Predigt mit ihren Smartphones. Und angesichts des relativ opulenten Lebensstils der Besucher hüten sich viele Pastoren davor, Anstoß zu geben. Ihnen geht es in erster Linie nicht um das Reich Gottes, sondern darum, ihre Mitglieder zu halten. In ihren Predigten höre ich sie über Gnade, Liebe, Frieden und Wohlstand reden – aber kein Wort über Sünde, das Gesetz Gottes oder Gemeindezucht. Bonhoeffer nannte das „billige Gnade“.

Im Jahr 2015 entfernten in der Stadt Wenzhou die Behörden die Kreuze von den Außenwänden der Kirchengebäude. Welche Bedeutung hat das für Christen anderswo in China?

Das Ziel dahinter ist, alle auffälligen Symbole des Christentums in der Öffentlichkeit zu zerstören. Was in Wenzhou geschah, ist ein Vorgeschmack darauf, was unter Präsident Xi Jinping in ganz China geschehen könnte. Wenzhou ist eine Großstadt in Zhejiang, einer fruchtbaren Provinz, in der sich das Christentum rasch entwickelt hat und gewachsen ist und wo Xi Jinping früher ein führender Provinzpolitiker war. Diese Verfolgungspolitik ist kein Zufall – sie wird mit dem Wissen des Präsidenten umgesetzt, vielleicht als Versuchsballon für eine Politik, die dann später landesweit zum Einsatz kommen soll. Wenn es ihnen gelingt, die Gemeinden in Wenzhou zu zerschlagen, wird es anderswo ein Leichtes für sie sein.

Wir brauchen ein gemeinsames Leben in kleinen Gemeinschaften, in denen sich die Leute wirklich umeinander kümmern.

Was mich erstaunt, ist, dass sie nicht nur die Hausgemeinden im Unterrund verfolgen, sondern auch die staatlich genehmigte Drei-Selbst-Kirche. Anfang Januar wurde der Hauptpastor der bekanntesten Drei-Selbst-Gemeinde in Zhejiang und nationale Vizepräsident der Denomination, Gu Yuese, verhaftet, nachdem er in einer Predigt gegen die Zerstörung der Kreuze protestiert hatte. (Das war natürlich nicht die offizielle Anschuldigung – man warf ihm Veruntreuung vor.)

Obwohl das Medieninteresse nachgelassen hat, gehen die Kreuzzerstörungen in Zhejiang weiter. Manche Christen haben sich durch zivilen Ungehorsam widersetzt – für sie sollten wir beten! Aber die Mehrzahl der Gemeinden hat kapituliert.

Überrascht Sie das?

Leider nicht. Zu viele Gemeinden in Wenzhou wurden nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten aufgebaut. Sie bemühten sich, reiche Geschäftsleute anzulocken – egal, ob sie gefälschte Produkte verkauften oder Beamte bestachen. Diese Haltung infizierte dann auch die Gemeinden selbst. Warum gab es in Wenzhou einen Kirchenbauboom? Weil die Gemeinden, die Geld hatten, die städtischen Beamten bestachen und Millionen Dollar in neue Gebäude investierten. Vielleicht wäre es besser gewesen, das Geld für Bildung, Veröffentlichungen oder andere Maßnahmen zum Aufbau der christlichen Gemeinschaft auszugeben.

Im Grund sehe ich das Kreuz an einem kirchlichen Gebäude gar nicht als so wichtig an. Selbst wenn die Behörden das physische Kreuz wegnehmen und das Gemeindegebäude abreißen, tragen wir das Kreuz Christi immer noch im Herzen – da kann es uns niemand wegnehmen oder zerstören. Was da geschieht, kann uns als heilsame Mahnung dienen: Wozu Millionen in den Bau riesiger Kirchen investieren? Warum verwenden wir das Geld nicht lieber für Jüngerschaft, theologische Schulung und Wohltätigkeit?

Sie haben geschrieben, bis 2030 werde China voraussichtlich das Land mit der größten christlichen Bevölkerung der Erde sein. Wie stellen Sie sich die Zukunft der Gemeinde in China vor?

Erstens sind Zahlen nicht das Wichtigste. Meinen Mitchristen gegenüber betone ich immer wieder: Das christliche Leben besteht nicht nur aus dem Gottesdienst am Sonntag. Unser Glaube muss unser politisches Leben und alle Aspekte unseres persönlichen und sozialen Lebens prägen. Leider sind allzu viele Christen in China immer noch bloße Sonntagschristen. Ihr Glaube hat keine Berührung mit ihrem Alltag.

Nehmen Sie zum Beispiel den Nationalismus. Wenn die Regierung nationalistische Zeremonien mit prächtigen Militärparaden inszeniert, strömen auch viele Christen begeistert zu diesen Veranstaltungen. Spricht man von Taiwans Unabhängigkeit, antworten sie: „Wenn Taiwan versucht, seine Unabhängigkeit zu behaupten, müssen wir es angreifen.“ Sie sind genauso indoktriniert wie die Ungläubigen. Ebenso empfinden zu wenige han-chinesische Christen Mitgefühl mit unterdrückten ethnischen Gruppen wie den Tibetern und Uiguren. Sie sind zuerst han-chinesische Nationalisten und erst in zweiter Linie Christen.

detail from Wu Guanzhong, The Yangtze River in 1974 oil painting

Christlicher Kommunismus?

Wie würden Sie dieses Problem angehen? Können die geistlichen Wurzeln der chinesischen Gemeinde eine Ressource für heutige Christen in China sein?

Es gibt definitiv eine starke Kontinuität vom vorkommunistischen chinesischen Christentum her. Die Übriggebliebenen sind in den Untergrund gegangen, aber die Schriften und das Vermächtnis von Watchman Nee und anderen sind nach wie vor ein großes Erbe und eine Ermutigung für uns heute. Wir haben zwei Gruppen, zu denen wir aufschauen können: die vielen ausländischen Missionare, die ihr Leben auf dem Missionsfeld gelassen haben, und auch die vielen einheimischen Pastoren und Gemeindeleiter, die den Herrn wirklich liebten und für die Wahrheit gestorben sind.

Sie finden vielleicht keine geistlichen Giganten wie Martin Luther oder Bonhoeffer, aber dank der Gnade Gottes haben wir auch unsere Heiligen, wie etwa Watchman Nee und Wang Mingdao. Liao Yiwu, der das Buch Gott ist rot geschrieben hat, porträtiert noch andere, wie etwa Wang Zhiming, den Pastor, der 1973 den Märtyrertod erlitt und an den eine Statue in der Westminster Abbey erinnert. Sie finden sich auch unter bekannten Intellektuellen wie etwa Schwester Lin Zhao, einer Absolventin der Peking-Universität, die die Herrschaft des Vorsitzenden Mao als Götzendienst und dämonische Besessenheit bezeichnete. Sie wurde deswegen verhaftet und hingerichtet.

Ich glaube, wir müssen noch weiter zurückgehen zum Vorbild der frühen Gemeinde. Wir brauchen ein gemeinsames Leben in kleinen Gemeinschaften, in denen sich die Leute wirklich umeinander kümmern.

Das ist das Vorbild des gemeinsamen Lebens, das in Apostelgeschichte 2 und 4 beschrieben wird. Und natürlich greift auch Bonhoeffers Aufruf zur Gemeinschaft in Gemeinsames Leben auf diese frühchristliche Vision zurück. Wie würden Sie den politischen Kommunismus und die Gemeinschaft, die in der ersten Gemeinde in Jerusalem gelebt wurde, miteinander vergleichen oder voneinander abgrenzen?

Soweit ich sehe, hat Karl Marx manche Ideen aus der Bibel gestohlen und versucht, dieses ideale Gemeinschaftsleben mit üblen Mitteln zu verwirklichen, und dadurch wurde das Ideal entstellt. Der größte Unterschied ist, dass Karl Marx ein Himmelreich auf Erden durch menschliche Kraft errichten wollte und bereit war, dafür jedes Mittel gutzuheißen, auch Revolution und Massentötungen an jenen, die anderer Meinung waren als er. In der Bibel dagegen sagt Jesus: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“ Doch eigentlich ist die Gemeinde Jesu in gewissem Sinne eine Widerspiegelung des Reiches Gottes auf Erden.

Was gibt Ihnen Hoffnung, wenn Sie in die Zukunft blicken?

Vor allem glaube ich, dass unsere Zukunft, sowohl in China als auch in Amerika, in der Hand unseres Gottes liegt. Das ist mein innerer Trost. Das heißt nicht, dass wir die Hände in den Schoß legen. Wir haben eine Berufung. Wir haben den Auftrag, an seinem Plan mitzuwirken und seinem Willen zu gehorchen.

Durch all die Erfahrungen und Kämpfe dieses Lebens habe ich einen klareren Blick für Gottes Plan für mich gewonnen. Als die Geheimpolizei mich holen kam, mussten sie zugeben: „Deine Feder ist gefährlicher als eine Armee.“ Deshalb schätze ich meine Berufung nicht gering.


Dieser Artikel fasst Interviews zusammen, die Peter Mommsen am 11. September 2016 und am 12. Januar 2017 mit Unterstützung von Leonard und Havilah King führte. Übersetzung ins Englische von Zhiyong Wang.

Illustrationen in diesem Artikel: Details aus The Yangtze River in 1974, Öl, 20 x 603 cm von Wu Guanzhong. Bild aus China Online Museum

9 Kommentare