Morning over the bay

Aus dem Leben Eberhard Arnolds

von Emmy Arnold

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Diese Kurzbiographie soll Interesse wecken auf das gerade im Neufeld Verlag erschienene Lebensbild Eberhard Arnolds: Ein Leben im Geist der Bergpredigt. Siehe Link zum Neufeld Verlag.

Eberhard Arnold wurde am 26. Juli 1883 als drittes Kind des damaligen Gymnasiallehrers Karl Franklin Arnold in Königsberg geboren. Seine Mutter Elisabeth geb. Voigt stammte aus einer alten Gelehrtenfamilie. Sein Großvater väterlicherseits, Franklin Luther Arnold, war Missionar englisch-amerikanischer Abstammung und Pastor einer presbyterianischen Kirche in den Vereinigten Staaten. Eberhard wuchs im Kreise von fünf Geschwistern auf, es waren zwei Brüder und drei Schwestern. Er war fünf Jahre alt, als die Familie Königsberg verließ, da sein Vater als Professor für Kirchengeschichte nach Breslau berufen worden war. Eberhard war ein Junge voll tollkühner Ideen und bubenhafter Unternehmungen, wodurch ihm nicht viel Zeit für die Schule blieb. Wegen manchen Unfugs war er bei seinen Lehrern und bei den Eltern mancher Schüler nicht immer beliebt.

Schon in frühester Kindheit nahm er Anstoß an der Ungleichheit der Menschen und schloss Freundschaften mit solchen aus ärmlichsten Verhältnissen, besonders mit so genannten “Brüdern der Landstraße”; fand er doch bei ihnen oft mehr Herzenswärme und echteres Menschentum als in den bürgerlichen Kreisen. In den Ferien war er einmal bei seinem Onkel in dessen Pfarrhaus zu Gast. Die innere religiöse Wärme dieses Mannes beeindruckte ihn stark, zumal dieser ganz auf Seiten der Armen und Unterdrückten stand, wodurch er sich die Feindschaft der Reichen seiner Kirchgemeinde zuzog.

Im Hause dieses Onkels traf er auch das erste Mal mit einem Vertreter der Heilsarmee zusammen. Das brüderliche Gespräch, das der Onkel mit diesem in Eberhards Gegenwart hatte, wies ihn stark in die Richtung einer echten Christusliebe, die sich gerade an dem Ärmsten kräftig erweist. So kam es für Eberhard, der damals 16 Jahre alt war, zu einer radikalen inneren Wendung. Er teilte seinen Eltern und Lehrern mit, dass von nun an sein Leben eine ganz andere Richtung nehmen sollte, wurde aber von ihnen nicht verstanden. Auf der Suche nach Menschen verwandten Geistes kam Eberhard in Verbindung mit verschiedenen christusbewegten Kreisen. Um ihn sammelte sich eine Gruppe von Mitschülern, in der durch gemeinsames Bibelstudium nach tiefer Erkenntnis des Weges Jesu gesucht wurde. Besonders stark war er von der Heilsarmee beeindruckt und zog mit diesen hingegebenen Menschen in die finsteren Spelunken Breslaus in dem Drange, Menschen aus Trunk und Schmutz zu befreien. Einen Trinker begleitete er morgens und abends, weil der Weg zu dessen Arbeitsstätte an einer Schenke vorbeiführte.

Tief erschüttert von der Not der Armen im Osten Breslaus fand er das gesellschaftliche Leben seines bürgerlichen Elternhauses immer unerträglicher. Angesichts der Not der Armen weigerte er sich einmal, an einer gesellschaftlichen Veranstaltung teilzunehmen, weil er es als unrecht empfand, an einem Abend so viel Geld für die Bewirtung wohlhabender Leute auszugeben. Er bekam dafür von seinem Vater Stubenarrest. Seine Eltern waren mit seiner neuen Tätigkeit und seiner Haltung, gerade zur sozialen Frage, gar nicht einverstanden. Als Eberhard die Schule beendigt hatte, verlangten seine Eltern von ihm das Theologiestudium, obwohl er selbst glaubte, den Menschen besser als Arzt dienen zu können. Er studierte in Breslau, Halle und Erlangen Theologie, Philosophie und Pädagogik und schloss seine Universitätsjahre mit einer Doktorarbeit ab über das Thema: " Urchristliches und Antichristliches im Werdegang Friedrich Nietzsches".

Während seiner Zeit in Halle hatte er sich eng mit der Deutschen Christlichen Studenten- Vereinigung zusammengeschlossen und während einiger Jahre mit Ludwig von Gerdtell zusammen gearbeitet. Beide standen in der christlichen Erweckungsbewegung, die damals viele suchende Kreise ergriffen hatte. Während dieser Zeit lernten wir uns im Jahre 1907 kennen. Nach tiefen und wesentlichen Aussprachen über das Wesen der Nachfolge Christi verlobten wir uns schon nach wenigen Tagen der Bekanntschaft und gingen von nun an unseren Weg gemeinsam.

Im Jahre 1909 fand die Hochzeit statt. Während der ersten Jahre unserer Ehe wurde Eberhard sehr viel zu öffentlichen Vorträgen gerufen. Er sprach in verschiedenen deutschen Städten, z.B. in Halle, Leipzig, Berlin, Dresden, Hamburg über die Fragen, die die Menschen damals besonders beschäftigten. So wählte er Themen wie "Das Urchristentum in der Jetztzeit" – "Die soziale Not" – "Freiheit für Jeden" – "Die Not und Knechtung der Masse" – "Das religiöse Ringen der Jetztzeit" – "Jesus, wie er wirklich war" – "Nietzsches Kritik des Christentums".

In jener Zeit begann der Kampf mit der Landeskirche, der vor allem durch die Tauffrage hervorgerufen wurde. Eberhard erkannte, dass die Kirche durch ihre Verbindung mit Staat und Besitz auf falschem Fundamente steht. Diese Erkenntnis bedeutete einen großen Einschnitt in unser Leben. Eberhard ließ sich taufen und trat aus der Landeskirche aus, konnte folglich auch keinen Kirchendienst annehmen. Durch die Schriften des religiös-sozialen Schweizer Pfarrers Hermann Kutter angeregt, kämpfte er mehr und mehr für das Proletariat und alle anderen Unterdrückten. Seine Stellungnahme zur Arbeiterfrage und zur Staatskirche hatte manche Auseinandersetzung mit Eltern und Kirchenbehörden zur Folge. 

Wegen einer schweren Erkrankung an Lunge und Kehlkopf zog Eberhard mit unserer kleinen Familie 1913 nach Südtirol, wo wir bei Bozen ein kleines Häuschen mieten konnten. Diese Zeit führte uns zur rechter innerer Besinnung und tieferer Klarheit. Damals entstanden die ersten Kapitel des Buches "Innenland" und eine Reihe wichtiger Aufsätze wie "Die Liebe zu Gott", "Die Liebe zu den Brüdern", "Die Macht des Gebetslebens" und "Lebensbeweise lebendiger Gemeinden". Eberhard beschäftigte sich auch gründlich mit der Täufergeschichte, und Gestalten wie Hans Denck, Balthasar Hubmair und Thomas Müntzer beeindruckten uns schon damals sehr. Es wurde uns in jener Zeit immer deutlicher, dass unser Leben eine radikalere und tatkräftigere Richtung finden müsse.

Von jener Zeit an lebte auch meine Schwester Else von Hollander mit uns und nahm an allem, was uns bewegte, lebendigsten Anteil. Während ich sehr mit Eberhards Pflege und der Versorgung der kleinen Kinder beschäftigt war, half sie Eberhard als Sekretärin bei seiner geistigen Arbeit. Als Mitanfängerin des gemeinsamen Lebens war sie ihm bis zu ihrem Tode im Jahre 1932 eine besonders starke Stütze.

Inmitten dieser inneren Erlebnisse brach 1914 der erste Weltkrieg aus. Eberhard wurde zum Militär eingezogen und diente wenige Wochen als Kutscher in Ostdeutschland, wurde aber wegen seiner schwachen Gesundheit sehr bald entlassen. Die Militärfrage beschäftigte ihn von nun an fortgesetzt, obwohl es noch einige Zeit dauerte, bis er darin zu völliger Klarheit kam.

Wir lebten einige Zeit in Halle, bis Eberhard im Jahre 1915 als literarischer Leiter des Furche-Verlages nach Berlin berufen wurde, wo unsere Familie bis zum Jahre 1920 verblieb. Der Verlag gab neben der Zeitschrift "Die Furche" in jenen Kriegsjahren eine Reihe von Büchern und Kunstmappen heraus, um damit besonders den Kriegsgefangenen zu dienen. Häufige Lazarettbesuche erschütterten Eberhard sehr, und immer mehr wandte er sich vom Kriegsgeist ab.

Von 1919 an erlebten wir, wie von allen Seiten ein Strom neuen Lebens zu uns kam. Zu Pfingsten dieses Jahres sprach Eberhard zu den Studenten der Deutschen Christlichen Studenten-Vereinigung in Marburg. Die Worte Jesu wurden dem Kreis lebendig und zeigten uns in der Bergrede die Lösung der Friedensfrage sowie die der sozialen Frage in voller Klarheit. Erwin Wißman berichtet über diese Pfingsttagung in der Zeitschrift "Die Furche" das Folgende:

"Im Blickpunkt alles Redens und aller Gedanken stand die Bergrede Jesu, die uns in ihrer ganzen Wucht, ihrer uneingeschränkten, ungeschmälerten Tragweite, ihrer Unbedingtheit und Absolutheit von unserm Eberhard Arnold mit tiefster Innerlichkeit und Inbrunst in die Herzen gebrannt und mit prophetischer Kraft und dem ungeheuren Schwung seiner ganzen Persönlichkeit in den Willen gehämmert wurde. Hier gab es keinen Kompromiss. Wer Reichsgenosse sein will, muss aufs Ganze gehen und hindurch bis zum Letzten. Christsein heißt ein Christusleben führen. Die Forderung ist unauslöschlich flammend und verpflichtend, der Weckruf zur Liebe wie der Drohruf: ‚Wer das Schwert nimmt, soll durch das Schwert umkommen.’ An uns liegt es, dass die eine entscheidende Revolution des Geistes einsetzt, ...dass wir in Jesu Geist seine Taten tun, um den Mitmenschen zu helfen nach Seele, Geist und Leib. Nur so können wir Christen unsern Weg heute gehen als Gesandte des Reiches Gottes und Vorkämpfer für diese einzig mögliche, einzig nötige Politik der Christokratie."

Diese Tagung in Marburg war der Anfang dessen, was später geschah:  Früchte dieses Erlebnisses zeigten sich immer mehr, bis aus der Vision allmählich das Leben selbst neue Gestalt gewann. Hier sahen wir die Vison des Zukünftigen vor uns. Es begann mit Aussprachen in offenen Abenden, die wir in unserm Haus in Berlin hatten, zu denen oft 80 oder 100 Teilnehmer kamen, Menschen aus den verschiedensten Kreisen: Jugendbewegte, Proletarier, Studenten, Offiziere, Atheisten, Pietisten, Anarchisten, Quäker. In allen brannte die eine Frage: Was sollen wir tun? Die Bergpredigt stand im Mittelpunkt der Aussprache. Alle wussten es: Das Leben muss geändert werden. Es muss endlich zur Tat kommen. Keine Worte mehr! Wir wollen endlich Taten sehen!

Der Radikalismus dieser Haltung führte zur Auseinandersetzung mit den Leitern der Zeitschrift "Die Furche" und der D.C.S.V. Auf verschiedenen Tagungen, so in Bad Oeynhausen und in Saarow (Mark Brandenburg), wurde hart auf hart um die brennenden Fragen gekämpft: Wie verhält sich der Christ zu Krieg und Revolution? Kann ein Christ Soldat sein? Eberhard verneinte dieses entschieden. In einen Bericht über jene Tagungen heißt es:

"Eberhard Arnold erkannte freudig die Notwendigkeit der persönlichen Wiedergeburt an, aber zu jeder Evangelisation gehöre die Predigt vom Ethos Jesu. Jesus habe die Staatsgewalt zwar anerkannt, das Reich Gottes aber als etwas ganz anderes bezeichnet. Der Christ bedeutet ein fortwährendes Korrektiv im Staate, eine Gewissenserweckung und Stärkung des Rechtswillens, ein Sauerteig, d.h. einen Fremdkörper im Sinne des höheren Wertes. Aber so weit der Staat Gewalt braucht, muss der Christ seine Mitarbeit versagen. Er kann also nicht Soldat, Scharfrichter oder Polizeipräsident sein. Wir sind verpflichtet, durch Tat und Wort Zeugnis davon abzulegen, dass nichts von Jesu Worten umgebogen werden darf! Es gilt immer unbedingt: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen! ...Wir empfinden uns in der Welt als Korrektiv des Normativen."

Nun galt es, neue Wege zu finden und zu beschreiten. Wir folgten dem Ruf der Freunde des "Neuen Werkes", einer religiös-sozialen Gruppe, und dem Aufruf zur "Urgemeinde", der von Schlüchtern her zu uns drang. Zunächst luden wir mit anderen Freunden zu einer Pfingsttagung in Schlüchtern ein, zu der etwa zweihundert meist jugendliche Menschen aus allen Teilen Deutschlands zusammenkamen in dem Drang, eine Antwort auf die brennenden Fragen zu finden: Was sollen wir denn tun? Wie können wir wahres Menschentum, wahre Freiheit und ein echtes hingegebenes Leben finden?

Es wurde uns klar, besonders angeregt durch einen Besuch auf der freideutschen Siedlung Habertshof, dass unser Weg der eines brüderlichen Gemeinschaftslebens sein müsste. Sahen wir doch in Besitz und Eigentum eine der bösesten Wurzeln des Krieges und des falschen Lebens der Menschen überhaupt. Wo aber beginnen? Stadt oder Land? Wie kann der Not der Massen am Besten begegnet werden? Die Antwort unserer Freunde aus dem Proletariat war: Geht aufs Land!  Wir wurden besonders durch einen Besuch auf der freideutschen Siedlung Habertshof und die Schriften Gustav Landauers angeregt. - Es wurde uns klar, dass unser Weg der eines brüderlichen Gemeinschaftslebens sein müsste.  Im Sommer 1920 mieteten wir drei kleine Stuben im Hinterhaus einer Gastwirtschaft im Dorfe Sannerz, Kreis Schlüchtern. Niemand dachte an die Gründung einer neuen weltanschaulichen Gemeinschaft, sondern einfach an das Tatwerden dessen, was uns klar geworden war mit allen denen, die mit Hand anlegen wollten.

Wir waren damals nur sieben Erwachsene und fünf Kinder. Von vornherein wurde der kleine Kreis von vielen Gästen aufgesucht, die täglich unangemeldet kamen, so dass wir oft den Vers zitierten: "Zehn waren geladen, zwanzig waren gekommen, tu' Wasser an die Supp' und heiß' sie all' willkommen!" In vielen Aussprachen rangen wir um Klarheit für alle Fragen, die sie und uns beschäftigten. Oft dauerten die Aussprachen bis tief in die Nacht hinein und nach manchmal schweren Auseinandersetzungen wurde uns immer wieder ein starkes Gemeinschaftserleben geschenkt. Einige Auszüge aus einer Ansprache Eberhard Arnolds, "Die innerste Wesenheit unseres Werdens", geben am besten wieder, was damals nicht von Menschen gegründet, auch nicht von einzelnen aus menschlicher Kraft gewollt, sondern vom Geiste her begonnen und angerichtet wurde, wodurch es allein Bestand haben konnte. Wir lassen sie hier folgen:

"Es kommt auf die innere Situation, auf die innere Atmosphäre bei der Entstehung eines gemeinsamen Lebens an. Die erste Zeit in Sannerz stand mitten in einer Flut geistiger Bewegungen. Es war eine bestimmte Windrichtung, die die Segel der aufbrechenden Schiffe blähte und sie an ein ganz bestimmtes Ufer treiben wollte. So war es, als wenn der Strom des Geschehens von draußen zu uns hereinkäme und nun in unserem Gemeindeleben eine Kulmination und Kristallisation, einen Kraftwirbel erleben wollte. Es konnte geschehen, dass jemand acht Tage bei uns in Sannerz war, ohne zu sehen, worauf es ankam. Nur wer wirklich einen Blick für die Tiefe hatte, nur wer wirklich in das Innerste der Herzen hineinschauen konnte, musste merken: Hier ist eine geistige Sendung des Evangeliums und der Gemeinde Jesu Christi, eine Missionsstation mitten in einem heidnischen und doch von Gott heimgesuchten Deutschland und Mitteleuropa.

Unter uns allen, unter denen, die herein traten und unter denen, die schon da waren, wirkte der Heilige Geist der Gegenseitigkeit der Begegnung vor Gottes Angesicht. Die Stuben und Zimmer in Sannerz und in der ersten Zeit auch die des Rhönbruderhofes waren von einer Kraft erfüllt, die nicht von uns Menschen kam, die wir da waren, auch nicht von denen, die uns besuchten und zu uns herein kamen, sondern es war eine Kraft, die von Gott kam und uns besuchte. Dieser Kraft war ein unsichtbares Fluidum, das uns umgab.

So verstanden wir das Pfingsterlebnis als das Brausen des Geistes, der die wartende Gemeinde umgab und heimsuchte. In diesem wunderbaren Geheimnis wurde Gemeinschaft; denn hier konnte kein Eigenwille sich behaupten und kein eigenes Wort gelten, auch nicht das Wort von so genannten Führern, auch nicht das Wort einer so genannten Opposition. Die Wolke redet und der Mensch kommt zum Schweigen. Das bedeutet keineswegs, dass nur Bekenner Christi, die sich als bekehrte und wiedergeborene Christen erklären, von dieser Wolke berührt werden, sondern im Gegenteil: Wir haben es wieder und wieder erlebt, wie der verborgene Christus offenbar wird in solchen, die sich selbst als ungläubig erklären. Christus besucht alle Menschen lange bevor sie mit ihm einig geworden sind. Wir ahnen, dass das Licht Christi zu allen Menschen kommt, die in diese Welt geboren werden."

Im Jahre 1922 änderte sich manches. Viele unserer Freunde wandten sich zum alten zurück. Enttäuscht meinten sie, der heutige individualistische Mensch sei nicht imstande, sich selbst so aufzugeben, dass er gemeinschaftsfähig wird. Obwohl wir diese Unfähigkeit an uns selbst ebenso spürten, hatten wir doch den Ruf zur völligen Gemeinschaft so deutlich gehört, dass wir, wenn auch zagend, entschlossen waren, die Sache weiterzuführen.

Nur sieben wagten den Neuanfang, während alle anderen gingen. Sachlich war der Hauptgrund, der zur Trennung führte, die Frage: Glaube und Ökonomie. Über diese Zeit der Krise und des Neuanfangs sagte Eberhard einmal in einer Gästeaussprache das Folgende:

"Als wir zum ersten mal gerufen wurden, fühlten wir uns durch den Geist Jesu Christi gedrängt und beauftragt, in völliger Gemeinschaft zu leben, in geschlossener Gemeinschaft mit offener Tür und mit liebendem Herzen für alle Menschen. Das Wort Jesu als die Wirklichkeit seines Lebens und als die Tatsache seines Geistes war es, was uns die Kraft gegeben hat, diesen Weg, wenn auch in kleinen schwachen Schritten, dennoch fest und sicher zu betreten und innezuhalten. Bald, auf der ersten Strecke des eingeschlagenen Weges, sind Zeiten über uns gekommen, die diese Kraft auf die härteste Probe gestellt haben, feindselige Zeiten der Erprobung, in denen nähere und fernere Freundeskreise, die uns tief ans Herz gewachsen waren, sich abwandten und zu Feinden des Weges wurden, weil sie sich selbst von der Freiheit und Einheit abgewandt hatten, weil sie selber von neuem in das bürgerlich abhängige Leben einer auf privates Geld gegründeten Einzelexistenz zurückkehren wollten. Die Bewegung ist damals durch verbürgerlichende Einflüsse dem Kapitalismus und seinen Berufen zu neuer Knechtung ausgeliefert worden. Mochte uns die Mehrzahl aller Freunde rechts und links verlassen, mochten ganze Scharen von der hochgehobenen Fahne der Einheit und Freiheit desertiert sein, mochten wohlmeinende Freunde uns auf das ernsteste warnen, dass wir auf dem einmal eingeschlagenen Wege einsam und unbeachtet zugrunde gehen müssten – es konnte nichts mehr ändern: Mitsamt den eigenen und den anderen uns anvertrauten Kindern mussten wir weiter, weiter vorwärts, mussten wir hindurch, dem Ziel entgegen!"

Äußerlich war der neue Anfang ebenso schwer wie der Aufbruch zwei Jahre vorher. Voll Dank und mutig, wenn auch etwas zögernd, machten wir uns ans Werk. Wir bewohnten jetzt ein größeres Haus in Sannerz, und langsam wuchs die Gemeinschaft an Zahl und Aufgaben. In diesen Jahren widmeten wir uns in besonderer Weise der Verlagsarbeit und der Erziehung benachteiligter Kinder, die mit unseren eigenen Kindern heranwuchsen. Auch die Arbeit in Landwirtschaft und Garten nahm an Bedeutung zu.

Bald wurde der Platz in Sannerz zu klein, und wir sahen uns nach einem neuen Ort um. Wir kauften im Jahre 1926 mit geringen Mitteln auf dem Sparhofgelände im Kreise Fulda, ein sehr ärmliches und heruntergewirtschaftetes Gut. Nach einer Übergangszeit waren wir im Jahre 1927 dort alle vereinigt und konnten in ganz anderer Weise als vorher an den Aufbau herangehen, da wir auf einem Platz waren, der ganz der Gemeinschaft gehörte. In allem, was wir taten, sollte das Göttliche, sollte die werdende Gemeinde symbolisch Gestalt gewinnen.

Die Kindergemeinde, hineingestellt in die Gemeinde der Erwachsenen, die Arbeit in Landwirtschaft und Garten, Bau, Handwerk und Verlag, wie auch die Arbeit an den Gästen und Armen, konnte nun neu aufgebaut und erweitert werden, soweit uns dazu Gaben und Kräfte gegeben waren. Alles wurde von einer Gemeinschaft getragen, die im Geistlichen wie im Zeitlichen die volle Verantwortung hatte. Dieser Kreis erteilte einzelnen seiner Glieder bestimmte Aufträge für die Durchführung der gemeinsam gestellten Aufgaben. Eberhard wirkte in jenen Jahren in erster Linie im Sinne der Anregung, Vertiefung und Klärung dieser "sozialpädagogischen Arbeitsgemeinschaft", besonders in der geistigen Durchdringung aller Arbeitsgebiete.

Der Kreis war im ständigen Wachstum begriffen. Junge Menschen stellten sich ganz der Sache zur Verfügung und halfen mit, die gemeinsamen Aufgaben energisch voranzutreiben. Bald konnten sie bestimmte Arbeitszweige verantwortlich leiten.

Auch während dieser Jahre in Sannerz und auf dem Rhönbruderhof hielt Eberhard Vorträge in verschiedenen Städten Deutschlands, Österreichs und der Schweiz und wirkte an Tagungen freideutscher, friedensgesinnter und verwandter Kreise aktiv mit. Sein Quellenbuch "Die ersten Christen" erschien 1926 als Ausdruck der Kraft urchristlichen Geistes, dessen Lebenswirkung für die Entstehung der Bruderhöfe von grundlegender Bedeutung war. Er widmete das Buch den Eltern, war er ihnen doch für die im Elternhaus empfangenen Anregungen trotz mancher Kämpfe dankbar, wie auch für das wachsende Verständnis, das beide Eltern unserem Lebensweg im Verlauf der Jahre mehr und mehr entgegenbrachten.

In tiefer Ehrfurcht vor dem Kinde und in der Erkenntnis, dass die Erwachsenen sehr viel von den Kindern lernen müssen, nahm sich Eberhard der Kindererziehung und des Schulwesens an. Im Unterricht verstand er das lebendige Interesse der Kinder an der Geschichte der Menschheit als an dem, was einmal war, was jetzt ist und was in Zukunft einmal sein wird, zu wecken. Groß und klein beteiligte sich vor allem in Bestellungs- und Erntezeiten an der Feld und Gartenarbeit.

Arbeit gab es in Fülle, und das gemeinsame Schaffen war ein wichtiger Teil des Gemeinschaftslebens, auch besonders für die Gäste. Der Tag gehörte der Arbeit und der Abend den Aussprachen im ganzen oder im engeren Kreis. Auf gemeinsamen Fahrten versuchten wir auch die bäuerlichen Menschen zu erreichen. So saßen wir abends etwa unter einer Dorflinde, klampften und sangen unsere schönen Volkslieder. Eberhard las dann eine Geschichte oder Legende vor, und die Bauern, die uns mit Brot, Wurst und Eiern bewirteten, wurden in den Erlebniskreis hineingezogen. Zuweilen übten wir Laienspiele ein und versuchten auf diese Weise den Nachbardörfern eine schlichte Botschaft zu bringen. Oder wir wanderten unterm Sternenhimmel und versammelten uns im Kellergewölbe von Huttens Stammsitz, der Steckelsburg, am prasselnden Feuer, wobei Eberhard uns aus Ulrich von Huttens Zeiten erzählte: "...es ist eine Lust zu leben, die Geister wachen auf!" Nach Hause ging es dann in der Dunkelheit in langer Kette, einer dem andern die Hand reichend!

Da der Kreis sich ständig vergrößerte, wurde eigentlich immer gebaut, und zwar in den ersten Jahren meist ohne genügende Geldmittel. Mit größtem Interesse widmete sich Eberhard den Bauplänen, sollten doch die Gemeinschaftshäuser ein Ausdruck für das sein, was uns beseelte: Schlichtheit auch im Äußeren! Die Gemeinschaft arbeitete intensiv an der Gestaltung des Bruderhofaufbaus mit. Bei aller Einfachheit und Armut bunte leuchtende Farben – wie Gottes Schöpfung in ihrer Mannigfaltigkeit – so sollten die Wohnungen aussehen.

Wichtig war uns auch immer die handwerkliche Arbeit, besonders das Kunsthandwerk. Jeder Leuchter, jede Schale wurde gemeinschaftlich beurteilt und ihre Form gemeinsam beschlossen. Eberhard vertrat immer wieder, dass gerade diese Arbeiten in ihrer schlichten Form ein Zeugnis gemeinschaftlichen Empfindens sein sollten. Dem Verlag wurde später auch eine eigene Druckerei angeschlossen. Eberhard legte großen Wert auf die Schönheit des Satzbildes und die Sauberkeit der Ausführung von Satz, Druck und Einband. Die Entstehung eines jeden Briefes, Aufsatzes oder Buches war eine Angelegenheit der ganzen Gemeinschaft. Bei gemeinsamen Arbeiten wie z.B. beim Kartoffelauslesen wurden die Manuskripte besprochen oder Korrekturen gelesen. So lernten alle Gemeinschaftsglieder die "Quellenbücherei" und die anderen Veröffentlichungen gründlich kennen, ob es sich nun um die Bände "Die ersten Christen", "Franz von Assisi", um "Novalis" oder "Zinzendorf" oder um einen andern Band der "Quellen" handelte oder um die Neugestaltung des Buches "Innenland".

Unsere Gäste wurden in die gemeinsame Arbeit ganz einbezogen. Morgens trafen wir uns zu stiller Sammlung. Die gemeinsamen Mahlzeiten waren uns ein Symbol des zukünftigen Reiches der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens. Das einfache, oft sehr ärmliche Essen wurde in weihevoller Gemeinsamkeit in dem schönen holzgetäfelten Esssaal mit dem siebenarmigen Leuchter, an roten, mit grünem Linoleum belegten Tischen von irdenen Schüsseln eingenommen. An Sommerabenden versammelten wir uns oft im Freien unter der großen Buche am Küppelabhang und suchten gemeinsam mit den Gästen und Mitarbeitern nach der wahren innersten Befreiung des einzelnen von sich selbst, nach echter Gemeinschaft, nach wahrem Frieden und sozialer Gerechtigkeit. Hier wurden wir oft in tiefer Weise auf die Lebensgestaltung aus den Kräften der Jesusliebe geführt, wobei wir immer wieder zu einem echten Gemeinschaftserlebnis durchstoßen konnten, das manchem zur persönlichen Entscheidung für sein ganzes Leben wurde.

In unseren Versammlungen brachte uns Eberhard immer wieder mit den wichtigen geistigen Bewegungen der Geschichte in lebendigste Berührung. Der ganze Kreis beschäftigte sich z.B. mit dem Entstehen des Quäkertums und mit der Täuferbewegung des 16. Jahrhunderts, besonders mit den Anfängen der hutterischen Gemeinschaften in Mähren, in deren Bewegung wir denselben Geist am Werk spürten, der uns zusammengeführt hatte. Die nach Tausenden zählenden Märtyrer, die das Leben der Nachfolge mit dem Tode besiegelt hatten, stärkten unsern Glauben, die wir ja noch nicht bis ans Ende unseres Lebens ausgeharrt hatten.

Als wir erfuhren, dass es noch heute hutterische Bruderhöfe in Amerika gibt, setzten wir uns mit ihnen in Verbindung und traten mit ihnen in lebendigen Austausch, war es uns doch nie daran gelegen, eine eigene Gruppe zu bilden, und suchten wir doch immer die Einheit mit anderen geistbestimmten Bewegungen und Gemeinschaften. So fuhr Eberhard im Jahre 1930 nach Nordamerika und blieb fast ein ganzes Jahr bei den Hutterern, alle ihre Bruderhöfe besuchend. Trotzdem die seit 400 Jahren in Gemeinschaft lebenden Brüder einiges anders sahen als wir, was damals - wie heute - Gegenstand von Aussprachen war, schlossen wir uns ihnen an, als solchen, die den urchristlichen Gemeinden näher standen als alle anderen uns bekannten Gruppen.

Als Eberhard von seiner Amerikareise zurückkehrte, wurde uns eine besonders intensive Zeit des inneren und äußeren Wachstums geschenkt. Viele neue Menschen aus der Schweiz, aus England, aus Schweden und aus unserer eigenen Heimat schlossen sich der Gemeinschaft an, auch solche aus verschiedenen anderen Gruppen, die ebenso wie wir nach Einheit suchten. Auch in späteren Jahren kam es zur Vereinigung mit anderen ähnlichen Lebensversuchen. In den Aussprachen mit unseren Gästen gab es damals oft scharfe Auseinandersetzungen; denn der Geist des Nationalsozialismus begann sich in Deutschland immer weiter auszubreiten.

Als dann Hitler 1933 an die Macht kam, wurde unser Aufbau bald unterbrochen und wir merkten noch deutlicher, wie sehr der Geist des Hitler-Regimes dem unsrigen entgegengesetzt war. So wurden uns auch bald behördliche Einschränkungen auferlegt, die unsere Arbeit in Deutschland immer mehr erschwerten. Im November 1933 wurde der Rhön-Bruderhof von der Gestapo, der SS und der Polizei besetzt und unsere Schule geschlossen. Auch der Gästeverkehr wurde uns untersagt, unsere soziale Arbeit und der Vertrieb unserer Bücher so gut wie unmöglich gemacht.

Während der Razzia wurde jedes Mitglied, besonders auch Eberhard, der wegen eines gebrochenen Beines liegen musste, gründlich verhört und beim Abzug der Parteitruppen nahmen diese eine ganze Autoladung beschlagnahmter Papiere und Bücher mit. In gründlichen gemeinsamen Überlegungen wurde es uns jedoch klar, dass unser Zeugnis nicht nur darin besteht, Krieg und Ungerechtigkeit zu verneinen, sondern dass unser Leben vielmehr den Auftrag hat, ans Werk, an den Friedensaufbau zu gehen.Da auf unserem Bruderhof eine Staatsschule mit einem nationalsozialistischen Lehrer eingerichtet werden sollte, entschlossen wir uns, die Schulkinder, es handelte sich damals um etwa zwanzig, sofort nach der Schweiz zu bringen. So fand der Lehrer keine Kinder mehr vor, als er zum Bruderhof kam. Auch die Jugendlichen reisten nach der Schweiz ab. Eberhard und ich begaben uns nun auf die Suche nach einem neuen Platz, den wir auch in dem der Schweiz benachbarten kleinen Fürstentum Liechtenstein fanden, wo wir auf der Alp Silum ein leeres Kurhaus in etwa 1500 m Höhe mieteten. Es war dies ein Glaubensschritt, da uns gar keine Mittel zur Errichtung eines neuen Bruderhofes zur Verfügung standen. Die Hilfe kam aber gerade, als wir sie am notwendigsten brauchten.

So strömten denn im März 1934 von verschiedenen Seiten her Jugendliche und Kinder nach Liechtenstein, und es kam zur Gründung des Almbruderhofs, nachdem auch einige Familien vom Rhönbruderhof her übergesiedelt waren. Eberhard und ich sowie einige andere reisten während der kommenden Zeit viel zwischen beiden Bruderhöfen hin und her und wussten dabei nie, ob wir von einer solchen Reise zurückkehren würden, waren es doch gefährliche Zeiten, mancher wurde verhaftet und in ein Konzentrationslager gebracht. Im Frühjahr 1935 stellte uns die Militarisierung Deutschlands vor die schwere Frage, ob die jungen Brüder im wehrpflichtigen Alter in Deutschland bleiben sollten und dort ein Zeugnis gegen Krieg und Militärgeist geben oder ob sie ihre Kräfte für den Aufbau des neuen Bruderhofes in Liechtenstein einsetzen sollten. So wuchs denn der Almbruderhof durch die Übersiedlung der jungen Brüder auf bald hundert große und kleine Menschen an, zu denen auch neue Mitglieder, besonders aus England, kamen. Eberhard hatte im Frühjahr 1935 eine Vortragsreise nach Holland und England unternommen und dabei auch die Möglichkeit für eine bessere Bruderhofgründung in England untersucht, für den Fall, dass der Almbruderhof in Liechtenstein kein dauernder Platz für uns sein sollte. In Deutschland blieben damals nur Schweizer, Engländer und Schweden mit ganz wenigen Deutschen zurück, und die Schwierigkeiten häuften sich immer mehr.

In dieser Lage, da die Gemeinschaft in einer nicht organischen, sondern durch die politische Situation verursachten Trennung lebte, musste sich Eberhard einem chirurgischen Eingriff unterziehen, Bis zuletzt bezeugte er den Weg und die Richtung, die heute wie damals der ganzen Welt gezeigt und vorgelebt werden müssen: Das brüderliche Leben in Frieden und Gerechtigkeit!zu welchem ein ihm befreundeter Arzt geraten hatte, um dem gebrochenen Bein zur Heilung zu verhelfen. Infolge dieser Operation starb Eberhard ganz plötzlich im Elisabeth- Krankenhaus in Darmstadt am 22. November 1935.  Wenige Tage vor seinem Tode schrieb Eberhard Arnold u. a. folgendes:

"Zu einer rechten Aussendung sind wir noch nicht gelangt; sie zu erbitten, wird immer dringender. Die Hauptsache ist und bleibt der Glaube an die Größe Gottes, an die überkosmische Bedeutung Jesu und an die universale Reichszukunft des Geistes. Da hinein und nirgend anders hin gehört Buße, Vergebung, Glaube, Gewissheit, Lebenshingabe usw. Deshalb sollten wir stets allen Zeitbewegungen von diesem Großen aus antworten, ohne von ihnen angekränkelt zu werden. So wünsche ich der Zukunft von Herzen, dass unsere Bruderhöfe niemals engherzig gegen die Jugend werden, sondern der Jugend zu einem lebensfrohen Neuanfang wahren Lebens helfen. Gott und Sein Reich ist das Bedeutendste für alles Bedeutende. Gott und Sein Wille ist für alles von solcher Bedeutung, dass nichts noch so Bedeutendes damit verglichen werden kann und dennoch in diesem Licht zum ersten Mal wahre Bedeutung erhält. Wie klein ist das Leben des einzelnen in sich selbst, wie klein das Familienleben für Mann, Weib und Kinder eigenen Blutes, wie klein auch der Freundschaftskreis persönlich sympathisierender Verbindung – wie klein schließlich der ganze Sparhof (der frühere Name des Rhönbruderhofes) mit allen seinen kleinen Seelen! Wie groß aber ist Gott und Sein Reich! Wie groß die geschichtliche Stunde der Weltkrise, Weltnot und Weltkatastrophe, wie viel größer aber die Gottes-Stunde des Weltgerichts und die Christus-Stunde der kommenden Erlösung! Wie sollten wir in heißem Verlangen entglühen, mehr und mehr, Tieferes und Tieferes von dem allen zu erfahren, daran Anteil zu nehmen, und wie glühend sollten wir den Tag selbst, den kommenden Tag, den befreienden und einenden Tag herbei sehnen und erwarten!"

portrait of Eberhard Arnold
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