Christus trägt das Kreuz  (Ausschnitt) Jan Sanders van Hemessen (ca.1500-1575)

Zwei Sünder: Maria und Judas

von Johannes E. von Holst

March 29, 2021

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Es ist schwer, sich einen größeren Kontrast als zwischen diesen beiden Sündern vorzustellen: Judas und Maria. Während Maria über ihre Sünden weinte und dann Jesus mit ihrer Liebe überhäufte, beschwerte sich Judas über ihre Extravaganz und ging dann hin, seinen Herrn zu verraten.

Die Rechtfertigung der Maria.

Maria aber nahm eine Flasche mit reinem, kostbarem Nardenöl, goss es Jesus über die Füße und trocknete diese mit ihrem Haar. Das ganze Haus duftete nach dem Öl. 
Judas Iskariot, einer von den Jüngern, der Jesus später verriet, sagte: »Warum wurde dieses Öl nicht für dreihundert Silberstücke verkauft und das Geld an die Armen verteilt?« Er sagte das nicht etwa, weil er ein Herz für die Armen hatte, sondern weil er ein Dieb war. Er verwaltete die gemeinsame Kasse und griff oft zur eigenen Verwendung hinein.
Jesus sagte: »Lass sie in Ruhe! Nach Gottes Willen hat sie dieses Öl für den Tag meines Begräbnisses aufbewahrt.« Und an alle Jünger gewandt, fügte er hinzu: »Arme wird es immer bei euch geben, aber mich habt ihr nicht mehr lange bei euch.« Joh.12, 3-8

Hier wird uns zum ersten Mal der Blick in den finsteren Abgrund des Judasherzes geöffnet. Die wiederholten Leidensankündigungen des Herrn hatten es ihm allmählich klargemacht, dass dieser Jesus das erträumte Messiasreich in weltlicher Herrschaft nicht aufrichten werde, dass in seiner Nachfolge die erwarteten Reichtümer und Ehren nicht zu erlangen seien. In schweigendem Brüten schritt er neben dem Meister her, während in seinem Inneren die Geldliebe sich bis zum diebischen Geiz steigerte und seine Selbstsucht unter den strafenden Blicken und Worten des Herrn sich zum Christushass verhärtete. Zwar trug er noch die Maske des Jüngers, aber er war unfähig den Liebesdrang einer Maria zu begreifen und fühlte doch durch die Tat ihrer Hingabe den versteinerten Egoismus seines Herzens gerichtet und verdammt. Daher kam dann hier das Gift seiner Bosheit zum Ausbruch. Durch dieses Verhalten des Judas wird für alle Zeiten das Geheimnis des Hasses der Welt gegen die Gemeinde Christi enthüllt. Die Feinde des Herrn fühlen sich durch den Wandel seiner Jünger gestraft und suchen sie deshalb aus dem Wege zu räumen.

Zwar trug er noch die Maske des Jüngers, aber er war unfähig den Liebesdrang einer Maria zu begreifen und fühlte doch durch die Tat ihrer Hingabe den versteinerten Egoismus seines Herzens gerichtet und verdammt.

Vergeblich wollte Judas seinen Grimm in das Gewand der klug berechnenden Armenliebe kleiden. Zwar stimmten ihm einzelne Jünger in unbedachtsamer Torheit bei, aber der Herr durchschaute ihn und ließ sich durch seinen Angriff veranlassen, die Liebestat der Maria in das hellste Licht zu stellen, indem er sprach: „Lasst sie in Frieden, sie hat getan, was sie konnte, sie hat ein gutes Werk an mir getan.“

Tun was man kann

Wer doch auch das hohe Zeugnis von ihm erringen könnte: „Du hast getan, was du konntest.“ Wahrlich, es ist wenig, was wir können, aber wer hätte auch nur dieses Wenige geleistet? Werden nicht die bittersten Vorwürfe, die wir uns einst zu machen haben, darin bestehen: dass wir nicht getan, was wir gekonnt hätten? Wo aber die volle Liebe handelt, da tut sie stets, was sie kann. Und wo sie das tut, da legt der Herr selbst überschwänglich mehr hinein, als wir denken und verstehen. Marias Liebestat nimmt er an, als eine Salbung zum Begräbnis und zur Auferstehung für seinen Leib und lässt davon predigen in allen Sprachen, solange die Welt steht.

Wenn wir einen Dürstenden mit einem Trunk kühlen Wassers erquicken, so nimmt er es an, als ihm selber getan.

Wenn wir einen Dürstenden mit einem Trunk kühlen Wassers erquicken, so nimmt er es an, als ihm selber getan. Wenn wir im Liebesdrange uns bemühen, dem Willen unseres Gottes nachzukommen, so legt er solchem Streben den hohen Wert der Gesetzeserfüllung bei, nach dem Wort: „Die Liebe ist des Gesetzes Erfüllung.“ Während er am Jüngsten Gericht alle berechnenden Egoisten, ob sie noch so heuchlerisch „Herr, Herr“ zu rufen verstehen, mit dem Befehl fortweisen wird: „Weichet von mir, ihr Übeltäter!“ – sollen Alle, die in der Liebe gelebt und gestorben sind, das Gnadenwort hören: „Ihr habt getan, was ihr konntet, geht ein zu eures Herrn Freude!“

„Da ging der Zwölfen einer, mit Namen Judas Ischarioth zu den Hohenpriestern und sprach: Was wollt ihr mir geben? Ich will ihn euch verraten. Und sie boten ihm dreißig Silberlinge. Und von dem an suchte er Gelegenheit, dass er ihn verriete.“ Matth.26,14-16.

Ist es wahr, dass es für jeden Christen einen Preis gibt, um den er seinen Heiland verkaufen würde? Leider ist es nur zu wahr bei Allen, die ihre Lieblingssünde nicht aufgeben und mit sich selber nicht brechen wollen, bei Allen, die entweder in der Nachfolge Christi nur die Befriedigung ihrer irdischen Lüste suchen, oder doch denken Christentum und Weltdienst vereinigen zu können. Wohin dieses führen muss, sieht man an dem erschütternden Beispiel des Judas.

Je enger seine Verbindung mit dem Herrn war, umso mächtiger fühlte er sich zu rascher Entscheidung zwischen ganzer Hingabe oder feindseligem Abfall gedrängt. Da er seine tief gewurzelte Selbst- und Weltliebe nicht aus seinem Herzen reißen wollte, so musste er durch die eherne Konsequenz und verhängnisvolle Macht des Bösen in das Lager der Feinde hineingezwungen werden. So geschah es. Um den elenden Preis, den man für einen Sklaven zahlt, um dreißig Silberlinge, verkaufte der einst begeisterte Jünger seinen Meister! Zwar waren die armseligen Silberlinge nicht der eigentliche Preis, auf dessen Erlangung es ihm dabei ankam. Vor Allem suchte er sich dieses Meisters, der ihm durch die stete Forderung der Sinnesänderung immer unerträglicher geworden war, zu entledigen, sein eigenes Ansehen bei den Obersten seines Volkes herzustellen und so wieder zu einer seinem Fleische behagenden Lebensstellung zu gelangen. Nebenbei war es seinem Geiz ganz recht, bei dieser Gelegenheit einen kleinen Gewinn für seine Tasche zu machen. Indem er diese Gedanken erwog, bäumte sich noch einmal sein besseres Ich dagegen auf, noch einmal wurde ein furchtbarer Kampf in seiner Brust durchgekämpft, aber dieser endete mit dem Resultat, dass zuletzt sein Gewissen vollständig zertreten wurde. Dann ging er hin und schloss den höllischen Handel ab.

Der König des Himmels und der Erde aber, in dessen Licht und Liebe die verklärte Welt einst ihren ewigen Sabbat feiern wird, wurde, wie schon die Weissagung andeutet, nur eines erbärmlichen Sklavenpreises wertgeachtet. Welche Demütigung und Schmach musste er erdulden! Ja, er entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an und ward gehorsam bis zum Tod. Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen. Er büßte unseren Hochmut und erduldete unsere Schmach. Die Strafe lag auf ihm, auf dass wir Frieden hätten. (Isa. 53:4–5).

Für diejenigen seiner Jünger nun, die ihm dafür von Herzen danken, mit ihm willig sich selbst entäußern, mit ihrer Sünde völlig brechen und ihres Meisters Knechtsgestalt an sich tragen, kurz: die aufrichtig an ihn glauben und ihn über Alles lieben, - für die gibt es, in allen Welten keinen Judaspreis, um den sie ihren Heiland verlassen und verraten könnten. Das bezeugt die Geschichte und der freudige Tod unzähliger Märtyrer, die zu ihrem Herrn und Meister sagen konnten: „Wenn ich nur Dich habe, so frage ich nicht nach Himmel und Erde, wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist doch Du Gott allzeit meines Herzens Trost und mein Teil.“ (Ps. 73:25–26).

Wie steht es bei dir meine Seele, um die Lieblingssünde und um den Verkaufspreis? Prüfe dich recht! Wer sein Leben lieb hat, der wird es verlieren, wer es aber verliert um Christi willen, der wird es behalten. (John 12:25).

painting of Mary Magdalene anointing Jesus
Von Johannes E. von Holst

(1828-1898) war evangelischer Pfarrer und Stadtprediger in Riga und veröffentlichte diese Andachten 1895

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