Morning over the bay

Zurück zur Bibel?

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Habt Ihr es schon einmal erlebt, dass jemand mit Bibelworten schmeißt? Ich schon. Zum ersten Mal war es, als ich zu spät in die Geschichtsstunde kam und einem Freund begegnete, der ebenfalls zu spät kam, weil er von einem christlichen Fanatiker aufgehalten worden war. Er machte den Eindruck, als ob ihm jemand die Bibel um die Ohren gehauen hätte, und als ich genauer hinhörte stellte ich fest, dass es wirklich so war. „Weißt du nicht, dass die Bibel sagt, du musst wiedergeboren sein?” Peng. „Jesus sagte: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.” Peng, peng.

Ich liebe die Bibel, aber es macht mich zornig, wenn jemand mit Bibelworten um sich schmeißt. Ich habe schon viel zu viele Christen getroffen, die die Bibel in- und auswendig kennen, aber mit ihr umgehen, als sei sie ein religiöses Steckenpferd; sie reiten drauf rum, aber sie leben nicht danach. Auch wenn sie die modernen Götzen bekämpfen, von denen es viele gibt, ist die Schuld dieser guten Christen selbst viel größer, denn sie interpretieren mehr in die Bibel hinein als der ursprüngliche Autor beabsichtigte. Ob Fundamentalist oder nicht, ob in einer Fernsehansprache, im Radio oder auf der Kanzel – sie benutzen die Bibel mehr als einen bedrohlichen Hammer, denn als das göttliche Geschenk, das sie wirklich ist.

Wenn es Angst macht, die Bibel als Waffe benutzt zu sehen, dann ist es aber auch beim Gegenteil der Fall: wenn jemand keinen guten Faden an der Bibel lässt. Auch solche Fanatiker missbrauchen die Bibel. Statt den Menschen damit zu drohen, geben sie sich alle Mühe, die Worte der Bibel auseinander zu nehmen, sie zu analysieren und interpretieren und so die Bibel selbst zu zerstören. Nach Ansicht dieser Leute, muss die Bibel von einer überholten, veralteten Kruste aus kulturellen Vorurteilen, unwissenschaftlichen Ansichten und patriarchaler, krankhafter Angst vor Homosexualität befreit werden. Für sie enthält die Bibel vielleicht ein bisschen Licht, aber sie ist nicht mehr als Glaubensgrundlage zu sehen. Sie muss nach den heute gültigen Normen beurteilt werden.

Deshalb hat Jesus das Alte Testament so in Ehren gehalten – und jedes seiner Worte erfüllt (Matth. 5,17). Und deshalb schreibt der Apostel Paulus, dass die Bibel „uns Weisheit verleiht, damit wir gerettet werden” und uns „ausrüstet zu jedem guten Werk” (2.Tim. 3,15-17). Durch die Seiten der Bibel sucht Gottes Geist immer wieder Neues zu schaffen.

Leider lesen viele von uns die Bibel und nicken nur zustimmend mit dem Kopf. Wir wollen Information, aber keine Transformation. Wenn wir so handeln, dann sperren wir Jesus entweder zwischen den Seiten der Bibel ein oder werfen ihn aus der Geschichte Gottes ganz hinaus und machen aus ihm eine Gestalt nach unseren eigenen Vorstellungen, verherrlichen und verkünden unsere eigene Spiritualität oder unser eigenes Christentum. So oder so ist Christus nicht mehr unser Herr – er kann nicht sprechen, er hat keine „Worte des ewigen Lebens”, er kann nicht mehr handeln, um unsere Welt zu verwandeln.

Soren Kierkegaard schrieb einmal: „Was ist das Neue Testament? Ein Handbuch für solche, die geopfert werden wollen.” Als Menschen aus Fleisch und Blut wollen wir das nicht. Wir wollen unser eigenes Leben führen und es selbst bestimmen. Wir bevorzugen „biblische Einsichten” und „geistige Inspiration” vor dem Schwert des Geistes, das trennt, schuldig spricht, Klarheit schafft. Um noch einmal Kierkegaard zu zitieren:

Wir sind Experten darin geworden, eine Aussage nach der anderen, eine Wahrheit nach der anderen, die zwischen dem Wort und unserem Leben steht, wegzuschieben – ungefähr so wie ein Junge, der eine Strafe zu erwarten hat, sich eine oder mehrere Lappen in die Hose schiebt. Dann entwickeln wir diese Vorbereitung zur Vollkommenheit, so dass es nie mehr nötig scheint, inne zu halten und unser Leben in einem Spiegel zu betrachten. All dies ist nichts anderes als ein Widerstand gegen Gottes Wort.

Es ist ein Teil des Problems, dass wir in der Bibel so etwas wie ein göttliches Frage- und Antwortebuch sehen. Aber wie der französische Sozialphilosoph Jacques Ellui sagt, geht es in der Bibel weniger um Antworten als vielmehr um Fragen. „Glauben heißt, dass wir Gottes Fragen beherzigen und es riskieren, uns selbst durch die gefundenen Antworten in Frage zu stellen.” Mit anderen Worten: Der Gott der Bibel ist ein Gott, der uns Fragen stellt. Egal ob wir jedes Wort der Bibel kennen oder die ganze Bibel zergliedern – wir stehen alle im Dunkeln; nicht, weil wir keine Antworten haben sondern weil Gott uns zur Rechenschaft zieht und wir lieber wegrennen und uns verstecken würden.

In den ersten Kapiteln der Bibel ist Gott nicht nur der Schöpfer und Herrscher, sondern er stellt Fragen: „Wo bist du? Wer hat dir das gesagt ���? Was hast du getan? Warum ärgerst du dich? Wo ist dein erschlagener Bruder?” Gott stellt uns noch immer Fragen. Werden wir antworten? Sind wir bereit Rechenschaft zu geben? Wenn wir die Bibel nicht mit der Bereitschaft zur Hand nehmen, uns Fragen stellen zu lassen, unsere Vorbehalte, Normen und Erfahrungen verändern zu lassen (ja, sogar richten zu lassen), werden wir seine unergründliche, befreiende Macht nicht kennen lernen.

Wenn wir zur Bibel zurückkehren wollen, dann müssen wir den ganzen Weg zu Gott selbst zurückkehren. Vom Anfang der Bibel an, wo Gott befiehlt, „Es werde Licht,” bis zu den Schlussworten der Offenbarung , „Ja, ich komme bald,” spricht Gott über etwas das geschieht oder geschehen wird. Sind wir bereit? Denn schließlich, was hilft uns die Bibel, wenn Gott nicht handelt?

man holding a bible
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