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Papini – Der Rüsttag

von Giovanni Papini

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Auszüge aus dem 1951 in Deutsch erschienen Werk Papinis "Das Leben des Herrn"

Die Sonne stieg am leeren Aprilhimmel höher, war dem Wendepunkt ihres Weges schon nahe. Das Wettziehen zwischen dem schlaffen Verteidiger und den zur Wut gereizten Angreifern hatte die beste Zeit des Vormittags verbraucht; jetzt musste man eilen. Nach einer alten mosaischen Vorschrift durften Leichen von Gerichteten nach Sonnenuntergang nicht mehr am Ort der Hinrichtung bleiben, und die Tage sind im April noch nicht so lang wie im Juni.

Und wenn Kaiphas auch noch so viel hitzige Kläffer hinter sich hat, er ist doch nicht ruhig, bis die Füße des Wanderers für immer angehalten sind, ans Kreuz festgenietet mit eisernen Spitzen. Er erinnert sich daran, wie derselbe wenige Tage zuvor unter dem Schwingen von Baumzweigen und unter Jubelliedern eingezogen ist. Der Stadtbewohnerschaft ist er ja sicher; aber die Stadt ist ja zu dieser Zeit voll von Menschen, die von allen Richtungen hergekommen sind; die haben nicht die gleichen Interessen und nicht die gleichen Leidenschaften wie die unmittelbare Anhängerschaft, die in der Nähe des Tempels lebt. Diese Galiläer besonders, die bisher mit dem Unfriedenstifter gegangen sind, die ihn lieben, die konnten einen Handstreich versuchen und den eigentlichen Weiheakt dieses Festtages wenigstens verzögern, wenn auch nicht geradezu verhindern.

Auch Pilatus hat es eilig, sich den ungelegenen Unschuldigen aus den Augen zu schaffen. Er mochte nicht mehr an ihn denken müssen; er hofft, ihn zu vergessen, wenn er nur einmal tot ist; seine Blicke und Worte hofft er zu ver­gessen, und besonders das ätzende Unbehagen, das fast wie ein schlechtes Gewissen sich ausnimmt . Wenn er auch seine Hände gewaschen und abgetrocknet hat, es ist ihm doch, als verurteilte ihn der, der jetzt schweigt, zu einer noch schlimmeren Strafe als zum Tode; er kommt sich fast als der Schuldige »Was ich geschrieben habe, hab' ich geschrieben.«vor gegenüber dem Todgeweihten. Um seine Verachtung an den wirklichen Schuldigen auszulassen, gibt er einem Schreiber den Wortlaut für den Titulus an, für das Täfelchen, das der Verurteilte am Halse tragen muss, bis man es über seinem Haupte ans Kreuz anheftet; er ließ schreiben: Jesus von Nazareth, König der Juden. Der Schreiber setzt diese Worte dreimal, in drei Sprachen, in schönen, roten Buchstaben auf das weiß gestrichene Brettchen. Die Hohenpriester sind noch in der Nähe, die Vorbereitungen in Gang zu halten; die Hälse reckend, lesen sie die zweideutige Schrift und murren: »Du musst nicht schreiben: König der Juden, sondern: ich bin der König der Juden.« Der Landpfleger schneidet aber die Einwürfe ab mit dem trockenen Sätzchen: »Was ich geschrieben habe, hab' ich geschrieben .« Das sind die letzten Worte, die die Geschichte von ihm berichtet, und die tiefsten.

Unterdessen hatten die Soldaten diesem König sein Gewand zurückgegeben, das Gewand des armen Mannes, und ihm das Täfelchen an den Hals gehängt; andere hatten aus einer Gerätkammer des Prätoriums drei tüchtige Kreuze aus Pinienholz hervorgeholt, dazu Nägel, Hammer und Zange. Der Zug war fertig zum Aufbruch. Pilatus sprach die herkömmliche Formel: „I, lictor, expedi crucem!“ Voran, Liktor, mach schnell mit dem Kreuz! Und die traurige Reise begann.

Es war Parasceve, der Tag der Zurüstung, der unmittelbare Vortag des eigentlichen Paschafestes.

Voran ritt der Hauptmann zu Pferde, in der Eigenschaft des »Todvollziehers«, wie Tacitus mit schreckhafter Kürze sich ausdrückt. Unmittelbar dahinter, von bewaffneten Legionären umringt, kamen Jesus und die zwei Räuber, die mit ihm gekreuzigt werden sollten. Alle drei mussten nach dem römischen Brauch selber ihre Kreuze tragen. Es folgte ihnen die krause, trampelnde Menge; von Straße zu Straße kamen noch andere Es war Parasceve, der Tag der Zurüstung, der unmittelbare Vortag des eigentlichen Paschafestes. dazu, Mitschuldige und Neugierige. In jedem Hause rührte eine Wirtschafterin die Hände zu den letzten Vorbereitungen; denn vom Sonnenuntergang an sollten alle Menschenhände von der Adamslast auf vierundzwanzig Stunden ruhen. Die Lämmer hingen abgehäutet und geviertelt, für das Feuer bereit; die ungesäuerten Brote lagen im Backtrog geschichtet, duftend nach dem Ofen ; die Männer füllten den Wein ab; die Kinder machten sich auch zu schaffen und hantierten auf dem Tisch in der Stube am bitteren Kraut. Es war niemand, der nicht zu tun gehabt hätte; niemand, der nicht inwendig froh war im Gedanken an den schönen Feiertag, an dem jede Familie um ihr Haupt sich sammelt, isst und den Dankwein trinkt, und Gott ist Zeuge der Fröhlichkeit, denn aus allen Häusern schallen die Hymnen zu ihm empor. Auch die Armen fühlten sich an diesem Tage beinahe reich; und die Reichen waren der außerordentlichen Einnahmen wegen fast ein wenig großmütiger als sonst; die Jungen wenigstens, die noch erwartungsvoll waren, weil die Erfahrung sie noch nicht enttäuscht hatte, waren liebevoller als sonst, und die Mütter fühlten sich eher geliebt als sonst. Eine Flut von Licht ergoss sich dazu aus der Sonne des Ostens über die vier Hügel.

Es war Parasceve, der Tag der Zurüstung, der unmittelbare Vortag des eigentlichen Paschafestes.

In dieser Festluft, durch diese Festgeschäftigkeit hin, mitten durch die festlich gestimmte Bewohnerschaf t bewegt sich langsam wie ein Leichenbegängnis der Unglückszug der Kreuzträger. Um sie her spricht alles von Freude und Leben; nur sie gehen in Leidensglut und Tod. Alle sind glücklich erregt in der Erwartung des Abends, wo sie mit den Geliebten zusammen um den gerüsteten Tisch sitzen, den feurigen, klaren Wein trinken und dann sich auf das Bett strecken werden mit dem Gedanken an den schönsten Sabbat im ganzen Jahr. Nur die Drei sind für immer weggerissen von allen, die sie je geküsst haben; sie werden sich aufs Schmachholz strecken, werden nur noch einen Schluck Essig trinken, und dann kommen der kalte Tod und die kalte Erde.

Wo der Hufschlag vom Pferd des Hauptmanns erklingt, treten die Leute beiseite, bleiben dann aber stehen und schauen auf die Ärmsten, die unter der furchtbaren Last keuchen und schwitzen. Die beiden Räuber gebärden sich eher wie stark und frech; aber der erste, der Mann der Schmerzen, macht bei jedem Schritt den Eindruck, als könnte er keinen weiteren mehr tun. Erschöpft von der Schreckensnacht, von den vier Verhören, vom Hin-und-herschleppen, von den Schlägen mit Fäusten und Stöcken, von der Geißelung; entstellt von Blut, Schweiß und Spucke, von dieser letzten Anstrengung des Kreuztragens - da ist er nicht mehr der jugendkühne Mann, der vor wenigen Tagen erst die Räuberhöhle, den Tempel, ausgeräumt hat. Sein damals leuchtendes Antlitz ist jetzt verzerrt wie von Krämpfen; die Augen, blutunterlaufen wie von verhaltener Qual, liegen tief in den Höhlen; auf den von Rutenstreichen zerrissenen Schultern bleibt das Gewand immer wieder kleben an den offenen Stellen und erhöht so die Marter; die Füße müssen noch mehr als die andern Glieder all die Müdigkeit spüren, sie wanken unter der Last des Leibes und des Kreuzes. Was für Schläge haben seit der Abendstunde, wo der Todeskampf begonnen hat, diesem Fleisch noch weiter Kraft entzogen! Der Kuss des Judas, die Flucht der Freunde, die Stricke am Handgelenk, das Drohen der Richter, die Misshandlungen der Dienstleute, die Feigheit des Pilatus, das Tod!-Tod !-Schreien, der Spott der Soldaten - und jetzt dieses Schreiten unter dem Kreuz, verachtet und verlacht von den Menschen, die er liebhat!

»Der Geist ist zwar willig, aber das Fleisch ist schwach.«

Nur ein paar Frauen mit verschleierten Gesichtern folgten dem Zug in einiger Entfernung; sie weinten, verbargen aber ihr Weinen wie etwas, was für ein Verbrechen gehalten werden könnte. Sie waren noch nicht an das Tor gekommen, das in die Vorstadtgärten hinausführte, waren aber schon in dessen Nähe, als Jesus, »Der Geist ist zwar willig, aber das Fleisch ist schwach.«am Ende der Kräfte, strauchelte, der Länge nach zu Boden fiel und so unter dem Kreuz ausgestreckt liegenblieb. Das Gesicht war ihm plötzlich weiß geworden wie Schnee; die entzündeten Lider bedeckten die Augen; man hätte ihn für tot halten müssen, wenn nicht der keuchende Atem aus dem leicht geschlossenen Munde gedrungen wäre. Aber der Hauptmann, der, wie Pilatus, die leidige Arbeit möglichst schnell erledigt haben wollte, wusste, was ein Mensch leisten kann, und sah ein, dass der Unglückliche da das Kreuz nicht bis zur Schädelstätte hinaufschleppen würde; deshalb suchte er mit dem Blick nach jemand, der dem schweren Gewicht gewachsen wäre. Gerade hatte sich ein Mann mit Namen Simon, aus Cyrene gebürtig, in das Gedränge gemischt; er kam von der Feldarbeit, und der Menschenknäuel hatte ihn aufgehalten; jetzt betrachtete er mit bestürzten Mienen, voll Mitleids den zusammengefallenen, schweratmenden Körper unter den gekreuzten Balken. Der Hauptmann wurde auf ihn aufmerksam , und weil der Mann ihm gutwillig und außerdem muskulös vorkam, rief er ihn zu sich und befahl:

»Fass das Kreuz an und komm mit!« Der Cyrenäer gehorchte, ohne ein Wort zu sagen.

people gathered around the cross
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