Morning over the bay

Das Geheimnis des Mönchs

von Chris Zimmerman

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Glaube ist eine Frage von Begegnungen – Peter Zitta Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe. Dies habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch ist und damit eure Freude vollkommen wird. – Jesus von Nazareth

Nach seinem Namen haben wir nie gefragt, aber ich sehe immer noch die Freude in seinem Gesicht, und wie er sich fest aufrichtete, die Harke in die Erde stemmte und sich auf sie lehnte als ob er sich stützen wollte.

„Ihr seid genau am richtigen Tag gekommen,“ sagte er uns strahlend.

Wir standen im großen, mit einer Mauer umzäunten Garten des Franziskanerklosters auf dem Frauenberg in Fulda, von wo aus man die Stadt und die ganze Umgebung überschauen kann. Es war ein feuchter Tag im April – die Sonne ließ das Schieferdach des Gartenhäuschens schimmern und das Gras unwirklich voll und grün erscheinen. Hinter der Gartenmauer waren die fetten Knospen der alten Kastanien kurz davor Aufzuspringen. Unter uns ragten die spitzen Türme der Barockkirche in den Dunst, der über der Stadt lag.

An den Beeten entlang nickten die Osterglocken wie im Traum. Eine uralte Statue stand in einer Ecke des Gartens (immer noch am Beten, obwohl die Hände längst mit Moos bewachsen waren); in der Mauer waren gemeißelte Reliefs zu erkennen, verwittert und zerbröckelt, und doch noch erkennbar als die Stationen des Kreuzwegs.

Das ermahnende, heisere Krächzen eine Krähe erscholl aus einer verwachsenen Eibe, und wir schauten auf und sahen den alten Mann. Er stand in einiger Entfernung hinter ein paar Frühbeeten: gebeugt, vom Wetter gezeichnet und mit steifen Bewegungen, fast ruckartig – und doch immer noch resolut. Er arbeitete allein, zog die Harke hin und her über die Beete.

Wir gingen zu ihm. Er hatte gerade kleine Salatpflanzen ausgesetzt, wie er uns erklärte, und war nun dabei, den Spinat auszusäen. Es war der „ideale“ Tag, um vorbeizukommen. Wir schauten wohl ein wenig ratlos drein. Er erklärte uns: „Heute ist mein Jubiläumstag – der Tag, an dem ich in den Orden eintrat. Am 15. April 1953 – vor 60 Jahren – schloss ich mich dem Franziskanerorden an. Ich war damals 17 Jahre alt. Ich machte eine Ausbildung als Gärtner, legte meine Ordensgelübde ab und wurde ein Bruder. Ich bin immer noch hier, wie ihr sehen könnt – immer noch ein Gärtner und immer noch ein Bruder.“ Er warf seinen Kopf zurück, seine Augen lachten und sein verwittertes Gesicht strahlte.

Für einen Moment sprachen wir über Alltäglichkeiten. Dann fragte ich ihn, was er über den neuen Papst denkt. „Natürlich ist es eine große Ehre,“ sagte er „dass er den Namen und das Vorbild von Franz von Assisi gewählt hat.“

Mit einer kurzen Bewegung deutete er auf einen noch brachliegenden Teil des Beetes und winkte uns zum Abschied. Wir gingen weiter und verließen den Garten über eine kleine Terrasse, die durch Grabsteine begrenzt war – eine Ruhestätte für Priester und Mönche, die hier einst gearbeitet und gebetet hatten; Männer, deren Gesänge einst in den hohen gewölbten Räumen der Klosterkirche erklungen waren, die nun vor uns aufragte, dunkel und still.

Als wir das Kloster verließen, fiel unser Blick auf eine Messingtafel mit einem Wort von Franz von Assisi: „Behaltet nichts von euch für euch zurück, sondern gebt euch ganz hin, damit euch als ganze aufnehme, der sich euch ganz hingibt.“

In den letzten Tagen habe ich immer wieder über diesen schweren Ratschlag nachdenken müssen. Ich denke daran, was sich in unserer Welt in den letzten sechzig Jahren alles verändert hat, und stelle es dem Zeugnis dieses alten Mannes gegenüber, der voll Hingabe an Jesus und seine Mitmenschen gelebt hat. Es ist klar, dass ein solcher Mahnruf eine Herausforderung ist, dass er aber mindestens in gleichem Ausmaß auch erfüllt ist von Verheißung und Lebensmöglichkeiten.

Es gab einmal eine Zeit, in der die Verbindlichkeit, Treue und Demut, die sich in einer solchen Hingabe widerspiegeln, allgemein hochangesehene  Werte waren; heutzutage empfinden sie die meisten Menschen als einengend, sie lösen Ablehnung und Misstrauen aus. Alles „für Gott“ aufgeben und sich einem religiösen Orden anschließen ist etwas, was heute praktisch nur noch in Büchern und Filmen vorkommt. Aber wir sollten auch auf das schauen, was dabei herauskommt – auf unsere zutiefst unglückliche Welt, wo Millionen von Menschen in selbst angelegten Sümpfen feststecken: in Gier, Apathie, Ärger, Verzweiflung, Hass, Lust und Angst.

Ich will damit nicht sagen, dass ein Leben im Kloster die Antwort auf alle Probleme ist. Das ist sicher eine außergewöhnliche und besondere Berufung. Es gibt aber auch andere Wege, der Menschheit zu dienen und andere Orte, an denen man Gott finden kann, vom Chaos einer Großstadtschule bis zu einer Demonstration gegen Ungerechtigkeit und Gewalt.

Entscheidend ist für mich die Frage, wofür wir eigentlich leben. Wenn das, was immer wir tun, um der Liebe zu den Menschen willen geschieht (und nicht, um sich zu profilieren oder sich selbst zu verwirklichen), dann spielt es vielleicht kaum eine Rolle, wie der Ruf zur Hingabe sich praktisch äußert. Wenn wir nur wirklich von ganzem Herzen für das Reich Gottes leben – für Liebe, Gerechtigkeit und Frieden – dann können wir darauf vertrauen, dass alles, was wir unternehmen, gesegnet und mit einer Bedeutung versehen wird, die auch im Lauf der Jahre und Jahrzehnte nicht verblasst.

“Behaltet nichts von euch zurück, sondern gebt euch ganz hin…” Das ist gewiss der Schlüssel zur Zufriedenheit und Freude des alten Gärtners und ein Geheimnis jeden erfüllten Lebens.

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