Morning over the bay

Indhos Odyssee

Über Frustration, Enttäuschung und innere Stärke

von Ulrike Plautz

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Flüchtlingswellen und Einwanderungsströme polarisieren und erhitzen die Gemüter. Oft gerät dabei in Vergessenheit, dass es hier nicht um Geld geht: Es geht um Menschen, die – ebenso wie wir alle – in Frieden und einem Mindestmaß von Sicherheit leben und arbeiten wollen. Aber auch der Plural „Menschen“ läuft noch Gefahr, die Betroffenen ihres Gesichts zu berauben. Wir wollen deshalb hier Indho Mohamud Abyan (25)zu Wort kommen lassen. Er ist vor acht Jahren aus dem noch immer von Bürgerkrieg und Hungersnot heimgesuchten Somalia geflohen. Seitdem wird er von einem Land ins andere abgeschoben. Sein Wunsch ist einfach: In Freiheit leben und arbeiten zu dürfen. Im Interview mit Ulrike Plautz schildert er seine ganz eigene Perspektive zum Thema Gerechtigkeit.

Du bist mit 17 Jahren aus Somalia geflohen. Was waren die Gründe?

Der wichtigste Grund war, dass ich in Frieden leben wollte. In Somalia herrschte über Jahrzehnte Bürgerkrieg und besonders in meiner Heimatstadt Mogadischu gab es heftige Kämpfe zwischen Regierungstruppen und den diversen Gegnern. Jeder, der es sich irgendwie leisten konnte, hatte ein Gewehr, auch um sich notfalls verteidigen zu können. Mein Onkel wurde in Mogadischu auf der Straße ermordet. Er war wie ein zweiter Vater für mich. Mein leiblicher Vater starb, als ich sechs Monate alt war. Diese tägliche Bedrohung, das ist eine Situation, die sich Menschen hier kaum vorstellen können. In Hamburg kann man einkaufen, ohne die ständige Angst im Nacken, an der nächsten Straßenecke getötet zu werden. Meine Mutter wollte auch, dass ich in Frieden leben kann und hat deshalb meine Flucht unterstützt.

Gab es noch mehr Gründe?

Ja. Auch die Armut ist in Somalia sehr groß. Ich habe noch fünf Geschwister. Meine Mutter ernährt uns, indem sie selbst gemachten Orangensaft und Süßigkeiten auf der Straße verkauft. Damit hat sie es gerade geschafft, uns über Wasser zu halten. Ich bin der Älteste und wollte nach der Schule auf eigenen Füßen stehen. Die Arbeitschancen sind bei uns aber leider sehr schlecht und auch die Schulbildung ist nicht gut. Die sah oft so aus, dass sich 30 Kinder aus der Nachbarschaft in irgendeiner Wohnung versammelten und dort von einem Erwachsenen unterrichtet wurden. Ich wollte aber Arzt werden, das ist übrigens immer noch mein großer Traum. Bei uns ist die Sterblichkeitsrate extrem hoch. Ich wollte mich in Europa ausbilden lassen, um dann als Arzt wieder zurück nach Somalia zu gehen, um dort zu helfen.

Wie ist es Dir in Europa nach Deiner Flucht ergangen?

Das ist leider eine lange Geschichte. Ich bin ja bereits vor acht Jahren nach Europa gekommen, das war 2006. Zuerst nach Ungarn. Ich war so glücklich. Ich fühlte mich in Sicherheit und dachte, die Welt steht mir offen. Hier kann ich arbeiten, eine Ausbildung machen, etwas lernen, Nach sechs Monaten im Flüchtlingslager wurde mir gesagt, dass ich Ungarn verlassen müsse, dass sie dort keinen Platz mehr für mich hätten und nichts mehr für mich tun könnten.

Ich erhielt einen Flüchtlingspass, 150 Euro und das war es dann. Ich stand da, konnte die Sprache nicht, hatte keine Wohnung und keinen Job. Ich war nun 18 Jahre, obdachlos und musste zusehen, wie ich auf der Straße überleben konnte. Ich wollte aber nicht aufgeben. Ich war ja nicht nach Europa geflohen, um hier auf der Straße rumzuhängen. Darauf nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und bin für das Geld, das ich nun hatte, nach Schweden, in der Hoffnung dort aufgenommen zu werden. Hier wurde mir mitgeteilt, dass ich wieder nach Ungarn müsse, ‚wegen Dublin 2’. Also bin ich wieder zurück, und habe wieder drei Monate auf der Straße gelebt. Danach bin ich nach Holland, um dort Asyl zu beantragen. Nach dreimonatigem Arrest wurde ich wieder nach Ungarn abgeschoben. Dann hieß es, dass es vielleicht in England mehr Möglichkeiten für mich gäbe und ich bin zuerst nach Südengland und danach nach Schottland gekommen. Das war 2008. In Glasgow konnte ich ein Jahr ein College besuchen und Englisch lernen. Meine Hoffnung wuchs, hier endlich bleiben zu können. Aber dann kamen morgens um 9 Uhr Polizeibeamte und ich musste in Abschiebehaft. Obwohl ich nichts verbrochen und keinem Unrecht getan hatte, sondern nur in Frieden leben wollte, musste ich für drei Monate ins Gefängnis. Das fand ich extrem ungerecht. Danach musste ich wieder nach Ungarn zurück. Das heißt: auf die Straße. Es war Winter, kalt und ich war sehr müde. Dann habe ich doch noch einmal alle Unterlagen zusammengesammelt, die ich hatte, darunter meine Bescheinigung über meinen Englischkurs, und bin nach Kopenhagen. Ich hatte inzwischen erfahren, dass man dort eine Chance hätte.

Indho Mohamud Abyan

In der Ausländerbehörde empfing mich der Beamte zunächst freundlich mit den Worten: ‚Das ist ja gut, dass Sie die Unterlagen gleich mitgebracht haben, das machen so wenige.’ Dann hatte er die Papiere nur zur Seite gelegt und ich wurde für zwei Monate in Haft genommen. Das war ein Schock. Danach ging es wieder zurück nach Ungarn. Erst nach und nach verstand ich, was dieses ‚Dublin 2’ für mich bedeutet: Nämlich immer wieder in ein Land zurückgeschickt zu werden, wo mir aber auch gesagt wurde, dass es dort für mich keinen Platz gibt. Was macht das für einen Sinn? Ich hatte keine Hoffnung mehr, war mutlos. Meiner Mutter erzählte ich am Telefon trotz allem, dass es mir gut ginge. Ich säße wohl heute auch nicht hier, wenn nicht einer von Pro Asyl nach Ungarn gekommen wäre und mich vor zwei Jahren von der Straße weg nach Deutschland geholt hätte. Hier konnte ich einen siebenmonatigen Kurs als Sanitär- und Heizungsmonteur machen. Damit hätte ich eine Chance, ein Freiwilliges Soziales Jahr machen zu können, hieß es. Nun hatte ich gerade in Hamburg einen Platz in einem Altenheim gefunden. Alles war perfekt, der Vertrag bereits unterschrieben und ich habe mich sehr gefreut, dort sofort anfangen zu können. Dann kam am 19. Mai der Bescheid, dass ich wieder zurück nach Ungarn müsse.

Wo lebst Du jetzt?

Zurzeit bekomme ich Kirchenasyl und lebe in einer Gästewohnung. Dort erfahre ich von Mitarbeitern der Kirche viel Unterstützung. Das tut sehr gut und ich bin dankbar dafür. Aber ich will endlich auch arbeiten und auf eigenen Beinen stehen können. Ich bin jetzt schon 25 Jahre alt, möchte meine Kraft einsetzen und meine Zeit nicht vergeuden müssen. Ich habe doch genau die gleichen Träume und Wünsche wie alle anderen in meinem Alter auch. Ich will einen sinnvollen Beruf haben und meinen Teil zur Gesellschaft beitragen können. Ich will eine Familie gründen. Für mich gehört es zu den Menschenrechten, frei zu sein, frei arbeiten und in Frieden leben zu dürfen. In Somalia hatte ich Angst, körperlich getötet zu werden. In Europa habe ich inzwischen Angst, dass meine Seele getötet wird.

Was würde Dich noch unterstützen?

Ich bin ja nicht allein. Es gibt unzählige Flüchtlinge, die in einer ähnlichen Situation leben, wie ich. Es würde uns schon sehr weiterhelfen, wenn in Deutschland mehr Menschen wissen, was mit uns geschieht. Wenn sie nicht wegsehen, sondern sich informieren und darüber auch auf der Straße reden würden. Das könnte schon viel verändern, davon bin ich überzeugt.

Was gibt Dir Hoffnung?

Hoffnung gibt mir, dass ich bisher noch immer Menschen getroffen habe, die mich unterstützt haben und mich auch heute unterstützen. Ich mache den Beamten, die mich abschieben, persönlich noch nicht einmal einen Vorwurf. Sie glauben, dass ihr Handeln rechtens ist, weil die Bestimmungen so sind, wie sie sind. Aber ich frage mich, ob das auch gerechte Gesetze sind. Umso glücklicher bin ich, dass ich auf Menschen treffe, die sich auch nach anderen Gesetzen richten und ein anderes Verständnis von Gerechtigkeit haben. Das gibt mir Hoffnung.


Ulrike Plautz ist Redakteurin der Zeitschrift „weltbewegt“, in deren Ausgabe vom Juni 2014 dieser Text zuerst erschienen ist. Sie lebt in Hamburg.

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