Street scene during WWII

Liebet eure Feinde

Eine Erinnerung aus Kriegstagen

von Dorothea Albertz

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Deutschland, April 1945. Mein Vater und meine Mutter sowie meine drei Brüder und ich spähen ängstlich durch die Gardine auf eine Horde wütender Russen, die mit Sicheln, Beilen, Heugabeln und anderem Gerät bewaffnet sind. Es sind frisch entlassene Kriegsgefangene, die die letzten fünf Tag ohne Nahrung und Wasser zugebracht haben, nachdem die deutschen Wachen aus dem Lager geflohen waren und sie eingesperrt zurückgelassen hatten.

Jetzt stehen sie draußen, um sich zu rächen, und zwei von ihnen sind bereits bis zu unserer Haustür vor­gedrungen. Aber halt! Wer ist das? Ja, sie tragen schäbige Gefängniskleidung. Aber sie sind keine Russen. Sie sind wie Schutzengel: Sie heben ihre Hände, warten bis der Lärm abebbt und zeigen auf die Mühle und die Scheune, während sie ruhig zu der Menge sprechen.

Jetzt kommen sie ins Haus, und ich erkenne, wer sie sind: Czesław und Stanislaus, zwei polnische Kriegsgefangene, die in den letzten drei Jahren auf unserem Hof gearbeitet haben.

„Was habt ihr zu ihnen gesagt?“, fragt mein Vater. „Wir befahlen ihnen, dieses Haus nicht zu betreten“, antworten sie wie aus einem Munde. „Wir sagten Ihnen, dass wir in diesem Haus wie Söhne behandelt wurden.“ Und als wolle er sich für etwas entschuldigen, fügt Czesław hinzu: „Wir… mussten ihnen erlauben, die Mühle und die Scheune zu plündern.“

„Wir behandeln sie so, wie wir unsere Söhne gern behandelt wüssten, wenn sie in einem fremden Land in Gefangenschaft gerieten.“

Ich war zu jener Zeit keine elf Jahre alt, aber ich sehe diese Szene noch deutlich vor mir. Warum retteten uns Czesław und Stanislaus das Leben? Sie waren feindliche Soldaten, Gefangene, Polen! Instinktiv wusste ich warum: Sie beschützten unsere Familie, weil sie ein Teil von ihr geworden waren.

In Wirklichkeit hatten sie nämlich auf unserem Hof nicht nur gearbeitet, sondern auch dort gelebt. Denn obgleich mein Vater angewiesen worden war, sie jede Nacht einzuschließen, hatte er dies kein einziges Mal getan. Offensichtlich wussten sie, was meine Eltern fühlten, auch wenn das nie in Worten ausgedrückt wurde: dass auf unserem Hof jeder Mensch geachtet wurde, unabhängig von seiner Nationalität oder Herkunft.

Mein Vater war Müller und Bauer.

Er lebte nach seinen Überzeugungen, und diese gaben ihm den Mut, seine Feinde zu lieben, auch wenn um ihn herum überall Hass gepredigt wurde. Als 1942 zwei polnische Arbeiter aus dem Gefangenenlager entlassen und unserem Hof zugewiesen wurden, stellte sich schnell heraus, dass keiner von beiden die geringste Ahnung von landwirtschaftlicher Arbeit hatte. Sie hatten sich im Lager als Bauern ausgegeben, einzig in der Hoffnung, Essen zu bekommen.

Polish Refugees 1940

Mein Vater wusste, was mit den Männern geschehen würde, wenn er sie zurückbrächte und mitteilte, dass sie gelogen hatten. So akzeptierte er Czesław und Stanislaus (links, um 1943) und brachte ihnen geduldig bei, wie man melkt, Heu macht, den Pferdewagen mit Mehl zum Bäcker fährt und andere Arbeiten erledigt.

Im Winter darauf brannte unsere Scheune ab und mit ihr unsere gesamte Getreideernte und unsere Dreschmaschine. Alle waren sich sicher, dass es Brandstiftung war. „Das waren diese Polen!“ Die Versicherung wollte nicht zahlen, wenn mein Vater ihnen nicht die Schuld gab. Aber mein Vater blieb dabei: „Sie waren es nicht!“ Überflüssig zu erwähnen, dass ihm die Versicherung nie einen Pfennig zahlte.

Ein anderes Mal kam ein Nachbar zu unserer Tür: „Dein Pole wird auf der Polizeiwache geschlagen!“ Mein Vater sprang auf sein Fahrrad, raste los und kam gerade noch rechtzeitig, um das Schlimmste zu verhindern. Wir fragten uns, was geschehen war.

Czesław hatte Mehl zur Bäckerei gebracht. Die Bäckersfrau hatte gerade den Hausflur geputzt und hatte ihn aufgefordert, mit dem Wagen außen herum zum Hintereingang zu fahren und die schweren Säcke eine Treppe hinauf zu tragen. Czesław hatte auf Polnisch leise vor sich hin geschimpft. Während er den Wagen zur Hintertür fuhr, rief die Frau die Polizei. Der Vorwurf? Beleidigung einer Deutschen.

Eines Tages erhielt Stanislaus einen Brief von seiner Schwester, die auf einem großen Bauernhof in Ostpreußen Zwangsarbeit leistete. Sie schrieb, dass sie immer hungrig war. Von da an schickte ihr meine Mutter regelmäßig Essenspakete.

Für uns Kinder waren die beiden Polen wie große Geschwister. Sie spielten mit uns und bauten uns sogar Spielsachen. Wenn jemand meine Mutter fragte, warum sie die Männer so komplett bei sich aufgenommen hatte, antwortete sie: „Wir behandeln sie so, wie wir unsere Söhne gern behandelt wüssten, wenn sie in einem fremden Land in Gefangenschaft gerieten.“

Meine Eltern protestierten nie offen gegen Hitlers schreckliches Regime. In jenen Jahren wurden deutsche Schulkinder oft von ihren Lehrern unter Druck gesetzt, Familienmitglieder zu denunzieren. Und obwohl unsere Eltern uns vertrauten, achteten sie darauf, nichts zu sagen, was gegen sie verwendet werden könnte. Aber im Angesicht des Bösen blieben sie selten still. Ihre Taten sprachen lauter als jedes Wort. Und sie sprechen auch jetzt noch zu mir – siebzig Jahre später.

Dorly Alberts and her siblings, Winter 1940 Die Autorin um 1940
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