Morning over the bay

Lebt für die Kinder

von Doreen Arnold

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  • helma sauer

    vielen Dank für den einfühlsamen Bericht !

Doreen  Arnold, 18, ist Mitglied der Bruderhof-Gemeinschaft. Sie arbeitet zur Zeit als Freiwillige in einer Schule für hilfsbedürftige Kinder in der Nähe von Rudolstadt/Thüringen.

Am Wochenende ist Keilhau ein Inbegriff des Friedens, ein idyllisches deutsches Märchendorf. Aus den Schornsteinen winden sich träge Rauchschwaden, und nur ein gelegentlich vorbeifahrendes Auto unterbricht die Ruhe, bevor es hinter irgendeinem Hoftor verschwindet. Doch gegen Sonntagabend drängen sich mehr und mehr Geräusche in die träge Stille. Scharen von Kindern entströmen den Kleinbussen vom Jugendsozialwerk, aus der Ferne deutlich durch ihre ratternden Motoren erkennbar.

Bald strömt eine wirbelnde Schar von Kindergruppen durchs obere Dorf. Auf quietschenden Rollen schieben sie ihre ramponierten Koffer über das Kopfsteinpflaster. Der unüberhörbare Chor von Hallos, kreischendem Gelächter, Zurechtweisungen und müdem Gemurre lassen keinen Zweifel daran, dass Keilhau wieder einmal dem Wochenendschlaf entrissen ist. Aber was steckt in diesen abgenutzten Schultaschen? Nicht nur die Kleidung für die nächste Woche und das übliche Stofftier; sie erzählen auch von den Hintergründen der Gesellschaft, aus der die Kinder kommen: Lieblosigkeit, häusliche Tragödien, zerbrochene Träume; und allzu oft sind sie Zeugen von Missbrauch, Alkohol- und Drogensucht und Vernachlässigung. Wenn die Kinder sich so mit ihrem Gepäck den Abhang hinaufkämpfen, sieht man da wirklich alles, was sie mit sich herumschleppen?

Seit 1817 bevölkern Kinder dieses abgelegene Thüringer Tal und besuchen die Freie Fröbelschule Keilhau, ein unabhängiges Internat, das einst von Friedrich Fröbel gegründet wurde. Zu jener Zeit war Fröbel ein Revolutionär, der die Vision hatte von einem Schutzraum für eine wirklich kindgemäße Erziehung (anstelle der bis dahin üblichen Form der klassischen akademischen Ausbildung ). Heute ist er weltweit als Vater des modernen Kindergartens und einer progressiven kindgemäßen Erziehung anerkannt. Auch wenn die Einflüsse der Geschichte diese ursprünglichen Absichten und Prinzipien verändert haben, bleibt das ursprüngliche Ziel – ein Kind auf das wirkliche Leben vorzubereiten – doch im Grundsatz dasselbe.

Nachfahren von Fröbel, die Familie meiner Urgroßmutter, führten die Schule durch die turbulenten Jahre zwischen 1903 und 1934. Annemarie Wächter (für mich „Oma Annemarie“) besuchte als Tochter des Direktors als einziges Mädchen diese Knabenschule. Die wilden waldreichen Abhänge der Umgebung machten sie zu einem Paradies für Kinder. Gemeinsam mit ihren Kameraden erkundeten sie die Wälder, bauten Hütten, kämpften Schlachten und erlebten andere ausgelassene Abenteuer, oft zum Leidwesen ihrer Hausmütter.

Durch die Nazizeit und den Zweiten Weltkrieg kam es zur Trennung zwischen Oma und Keilhau, die zu ihrem Leidwesen während ihres ganzen Lebens nie mehr überwunden werden konnte. 1932 verließ sie ihre Familie, um in der Nähe von Fulda als Lehrerin zu arbeiten. 1936 musste sie zusammen mit ihrem geliebten Ehemann aus Deutschland fliehen, weil er als Freidenker weder „Heil Hitler“ sagen, noch Soldat werden wollte. Sie flohen nach England und später nach Paraguay und landeten dann schließlich nach dem Krieg in den Vereinigten Staaten. In der Zwischenzeit war die Schule von den Nazis übernommen worden und wurde dann später unter dem ostdeutschen kommunistischen Regime weitergeführt.

Trotz allem blieb Keilhau ein wesentlicher Eckpfeiler von Omas Leben. Fröbel glaubte fest daran, dass so, wie Erwachsene Kinder erziehen, umgekehrt auch die Kinder uns Erwachsene erziehen müssen. Seine Losung war „Lasst uns für die Kinder leben“. Für Oma bedeutete das, „Ehrfurcht vor den Kindern“ zu haben. Zusammen mit Fröbels Grundsatz, Seele und Geist eines Kindes sowie seinen Körper durch eigene Erfahrung und Spiel zu entwickeln, wurde Ehrfurcht ein wesentlicher Grundsatz ihrer Arbeit als Erzieherin.

Heute gibt es Fröbelschulen in der ganzen Welt. Die Urform dieser Schulen in Keilhau, wo ich zur Zeit als freiwillige Mitarbeiterin tätig bin,  wird heute von Kindern mit Lernschwierigkeiten sowie Sprach- oder Hörbehinderungen besucht. Hinderlicher als die medizinische Diagnose sind jedoch offensichtlich die Wunden sozialer Nöte. Als Beobachter der sonntäglichen Rückkehr tut es weh, die von Not gezeichneten Gesichter zu sehen, die verängstigten Stimmen zu hören, die sich wieder auf den Rhythmus einer neuen Woche einstellen wollen. Ist das der Grund, warum ich vier Generationen nach Oma nach Keilhau zurückkomme? Vielleicht. Ich arbeite mich durch das Gewimmel, helfe hier beim Tragen, probiere meine neu erworbenen deutschen Sprachkenntnisse aus, nehme ein Kind in den Arm.

An diesem frühen Dezemberabend sind manche der dünnen Ärmchen von mehr als dem üblichen Koffer belastet. Für Sonja bedeutet diese Woche die Gewissheit eines sauberen Bettes und genügender Nahrung. (Ich gebe hier und auch weiter unten einen anderen Namen an, um die Persönlichkeit zu schützen). Für sie war es wegen des chronischen Alkoholismus der Mutter ganz ungewiss, ob sie zurück nach Keilhau kommen könnte. An manchen Abenden wird Sonja ausgesperrt und bleibt irgendwo auf der Straße. – Stefan hält das Bild einer lächelnden Familie umklammert. Es ist zerknittert und verschmiert und fast unkenntlich. Das Bild ist aus einem Magazin herausgerissen. Sein Weihnachtswunsch ist kein Geheimnis; immer sind seine traurigen braunen Augen auf der Suche nach einem eigenen Papa oder einer eigenen Mama. Wenn er gut drauf ist, akzeptiert er auch mal einen Erzieher als Vaterersatz. – Birgits Augen glänzen vor heimlicher Freude, während sie ihren neuen Pulli streichelt, den eine der Erzieherinnen ihr gekauft hat. Von ihren Eltern kann man nicht erwarten, dass sie ein Auge für die Nöte ihrer Tochter haben. – Sabine war am letzten Freitag heimgegangen ohne zu wissen, ob sie in einer Unterkunft wohnen oder ob ihre Mutter wieder mit dem gewalttätigen Vater zusammen sein würde. Sie ist nun zurück, verschüchtert und mit niedergeschlagenen Augen. – In Axels orangener Schultasche ist ein Geburtstagsgeschenk versteckt, Bauklötze, die ich ihm vor einer Woche noch schnell eingepackt habe. Er hatte so sehr auf ein neues Fahrrad und auf ein neues Spiel gehofft, aber dies hier war sein einziges Geschenk geblieben.

Nicht alle Zurückkehrenden haben Enttäuschungen erlebt. Frank zeigt stolz einen Entwurf des Zeugnisses, mit dem sein Realschulabschluss sicher ist. Das ist das höchste, zu dem man in Keilhau kommen kann.  – Justin bringt eine Laterne. Stolz erklärt er, dass die Kerze, die darin brennt, von einer Kirche in Bethlehem stammt und per Flugzeug in seine Heimatstadt kam. Er befürchtet, dass die Nachtaufsicht die Kerze ausblasen könnte und bittet mich, sie bis Montagmorgen zu schützen.

Es beginnt zu schneien und blasse Schneeflocken bedecken den schlammigen Schulhof. Lichter flackern aus den neu erwachten Wohnheimen. Was ist noch nicht ausgepackt? Verknitterte T-Shirts, Jeans und Pullis kommen zum Vorschein, aber gleichzeitig stürzen die Geschichten, Tragödien und Verletzungen, die ein Wochenende im Chaos mancher Familien hinterlässt, mit verwirrender Gewalt auf die Kinder ein. Als neue und unerfahrene Praktikantin kann ich die versteckten Lasten der in meine Obhut gegebenen Kinder nicht in ihrer ganzen Tragweite erfassen, und ich weiß auch nicht, wie ich ihnen helfen kann, mit all der Angst und der Unsicherheit umzugehen, die sie jedes Wochenende aufs neue erleben.

Ich kann aber in der gegebenen Zeit nach Fröbels eigenen Worten „für die Kinder leben“, sodass sie am kommenden Freitag wenigstens ein paar glückliche Erinnerungen in ihren abgegriffenen Koffern mitnehmen. Zusammen mit den anderen Helfern und mit den erfahrenen und hingegebenen Erziehern, die das Herz dieser Schule sind, kann ich mit ihnen lachen, Hütten bauen, kämpfen, singen und die Natur entdecken, solange sie hier sind. Dafür hat Fröbel diesen Platz geschaffen. Oma wird sich freuen und glücklich sein.

the village of Keilhau Keilhau, April 2011 Rechts die Fröbel-Schule in den gelben Fachwerkhäusern.
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