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Blick hinter die Tattoos – eine Vision

Rebecca Newton

14. Juni 2011

In English

Vor neun Monaten kam ich in Berlin an – gespannt, und doch auch unsicher. Weder hatte ich jemals in einer Großstadt gelebt, noch kannte ich die Sprache. Auch wenn es nicht lange dauerte, bis ich mich zuhause fühlte,  gab es doch Situationen, die mich verunsicherten. Manchmal ging ich nachmittags mit den zwei kleinen Mädchen meiner Gastfamilie zum nahegelegenen Helmholzplatz. Aber immer, wenn wir dort auf den Zugang zum Spielplatz kamen, hielt ich den Atem an und umklammerte die Hände meiner kleinen Begleiterinnen.

Meine Reaktion war durchaus nicht grundlos: hier versammelten sich die Drogenabhängigen, die Obdachlosen und die Alkoholiker der Nachbarschaft. Hier hingen sie zwischen den Bänken und Tischen rum, umringt von ihren Bierflaschen und zahllosen Hunden. Hier sah ich einen Besoffenen wieder, der mir vor einiger Zeit schon mal aufgefallen war, wie er rumtaumelte und jeden, den er sah, bedrohte. Da war auch der ungefähr dreißigjährige Kerl, der oft um Essen bettelte und kürzlich in unserem Hof rumschrie, weil jemand ihm verboten hatte, unser Treppenhaus als Toilette zu benutzen. Auch andere erkannte ich wieder: einen Mann, der jeden, der ihm begegnete, in eine Schlägerei verwickeln wollte;  zwei Männer, deren Hunde sich kürzlich einen blutigen Kampf direkt vor dem Tor zum Spielplatz lieferten, während die Kinder mit aufgerissenen Augen zuschauten.

Jedesmal, wenn ich diese Menschen sah, musste ich denken: „Warum fällt es mir so schwer, Mitleid mit diesen Männern und Frauen zu haben? Steht es nicht in der Bibel, dass dies die Menschen sind, mit denen Jesus sich umgab?“ Doch immer, wenn ich ihnen nahe komme, erfüllt mich Ekel und sogar Angst. Manchmal fühle ich eine Anwandlung von Mitleid, wenn ich denke, was das Leben für die hier bedeutet. Jeder ist ein Mensch mit Ängsten und Sorgen, aber ohne Hoffnung oder jemand, dem sie vertrauen.

Als wir kürzlich in unserem Gottesdienst das Vaterunser beteten, hörte ich auf die verschiedenen Stimmen, die sich im gemeinsamen Gebet verbanden – jeder mit seinem persönlichen Anliegen hinter den gemeinsam gesprochenen Worten. Plötzlich stellte ich mir die zusammengewürfelte Schar vom Helmholzplatz vor, wie sie in einem Kreis standen, sich gegenseitig an den Händen fassten, mit geneigten Köpfen die Worte des Vaterunsers nachsprechend. Es war eine Vision, die mir zu Herzen ging. Die Worte des Gebets hatten sie verändert. Sie waren nicht länger unsichtbar hinter ihren Tattoos, mit wilden Haaren und ihrer zusammengewürfelten, schmutzigen Kleidung. Das erste Mal sah ich sie als Menschen, deren Hände ich halten könnte im Vertrauen, dass unsere Sehnsucht dieselbe ist.

Die Vision verschwand. Aber ist es wirklich ein so unwirklicher Gedanke, so unwahrscheinlich, sich so etwas vorzustellen? Ich bin sicher, dass alle Herzen zum himmlischen Vater rufen – egal, ob sie jemals die Worte des Vaterunsers gehört haben oder nicht. Jeder Mensch muss sich nach einem Vater sehnen, bei dem er Trost, Sicherheit und Klarheit finden kann. Ich glaube auch, dass Gott eines Tages alle Menschen zu sich sammelt, „denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit, in Ewigkeit. Amen.“

 

 


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