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Ein hebräisches Gebet

Channah Ben-Eliezer

Mein Vater, ein Holocaust-Überlebender, schickte mir kuerzlich ein Gebet, das er ausschnittweise übersetzt hattte, und das glaeubige Juden in der ganzen Welt jeden Abend beten.

Ich vergebe hiermit allen, die mich veraergert oder verhoehnt haben, all denen, die sich unter Zwang, wissentlich, boshaft oder unwissentlich, gegen meine Person, meinen Besitz oder meine Ehre mit Worten oder Taten versündigt haben.
Keiner soll meinetwegen Strafe erleiden.

Erstaunlich! Ich las es nochmal: „Ich vergebe hiermit allen...“. Ja, es heißt „allen“ – ohne Ausnahme. Stell’ dir vor, dass viele Juden in der ganzen Welt Abend für Abend so beten. Ist es möglich, dass sie so vor fünfundsechzig Jahren sogar in den Konzerntrationslagern gebetet haben? Und bevor sie in die Gaskammern geschickt wurden?

Ich weiss, dass der fruehchristliche Märtyrer Stephan fuer seine Peiniger gebetet hat, bevor er gesteinigt wurde, ebenso wie andere Märtyrer verschiedener Religionen im Laufe der Geschichte. Das ist vielleicht ein Gebet für Heilige, dachte ich mir, aber was heisst das für dich und für mich? Wie passt eine solche Haltung In unser menschliches Gerechtigkeitsempfinden, wonach Fehler erst bereinigt werden müssen, bevor wir weitermachen können? Nach meinem Verstaendnis sollte der Schuldige mindestens zuerst kommen und auf Knien um Vergebung bitten. Eine Bemerkung von Rabbi Danziger aus der chassidischen Chabad Bewegung half mir weiter:

Dem Buchstaben des Gesetzes woertlich folgend heisst es: „Wenn jemand dir Unrecht getan hat und um Vergebung bittet, musst du ihm vergeben – vorausgesetzt dass er dich für jeden angerichteten Schaden entschädigt hat.“ Wenn wir jedoch über den Wortlaut des Gesetzes hinausgehen wollen, dann sollen wir selbst dann anderen vergeben, wenn sie nicht darum bitten oder vielleicht unsere Vergebung gar nicht wollen.

Dieses Nachtgebet geht also von einem Ort jenseits des Buchstabens des Gesetzes aus, und gläubige Juden sind dazu bereit, sich jeden Abend zu diesem Ort „jenseits“ zu begeben. Was würde passieren, wenn Christen das gleiche täten? Ich glaube, dass dies der Ort ist an dem die Heilung für unsere zerrissene Welt zu finden wäre. Aber wie koennen wir an diesen Ort gelangen?

Eine weitere bemerkenswerte Aussage von einem der Rabbies half mir, noch mehr zu verstehen: „Wenn auch nur ein einziger Mensch echte teshuva, also Buße oder Umkehr, tut, dann genuegt das, um der ganzen Welt zu vergeben.“

Bedeutet das wirklich, dass wir nicht mehr zu tun haben, als uns von unseren Fehlern und Suenden abzuwenden, damit die ganze Welt neu werden kann? Aber wie soll das etwas ändern? Wir wissen doch, wie unsere Gesellschaft angefüllt ist mit zahllosen zerbrochenen und verletzten Leben, die ganz verzweifelt nach Heilung suchen.

Wenn mein Vater über Vergebung spricht, dann sagt er immer: „Wenn ich mir klar darüber bin, wieviel Vergebung ich selbst nötig habe, dann ist es leicht, anderen für das zu vergeben, womit sie mich verletzt haben. Und wenn ein Mensch einem anderen vergeben kann, dann fängt damit ein Kreislauf der Versöhnung an, der sich ausbreiten wird.“ Vielleicht ist das ein Teil der Bedeutung des Zitats uber teshuva?

Am Ende bleibt natuerlich die Frage bestehen: Werde ich dieses Gebet um Vergebung nicht nur im Frieden der Nacht beten, sondern auch im grellen Licht des naechsten Tages daran festhalten koennen? Und wie sieht es mit dir aus?

 


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