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Don Samuel: Friedenskämpfer und Fürsprecher der Armen

Johann Christoph Arnold

28. Januar 2011

In English

In einer Zeit, in der Gewalt und Ungerechtigkeit täglich Schlagzeilen machen, musste ich  anlässlich des kürzlich erfolgten Todes von Bischof Samuel Ruiz Garcia, Mexikos Fürsprecher der Armen, an die Aufgabe denken, die ihn viele Jahrzehnte hindurch beschäftigte; und jeder, der sich Christ nennt, sollte sich davon berühren lassen: Friedenskämpfer zu sein in einer von Kriegen wahnsinnig gewordenen Welt.

Vom Vatikan als „roter Bischof“ verspottet und von der mexikanischen Regierung als „kommunistischer Agitator“ verleumdet, wurde er in Chiapas, dem ärmsten Staat des Landes, von Tausenden der eingeborenen Bevölkerung wegen seines Dienstes als „Tatic“ (auf mayanisch „Vater“) verehrt.

Dieser gegensätzliche Standpunkt ist nicht überraschend. Von 1960 bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2000 kämpfte Don Samuel unermüdlich für die Rechte der „Campesinos“ – für die Landarbeiter, die oft mit Spuren von Peitschenhieben von den Feldern zurückkehrten,  für die Frauen, die als Indianerinnen von ihren Vorarbeitern missachtet wurden, für die Kinder, die niemals Lesen lernen würden, sofern sie die Kindheit überlebten.

Als freundlicher, bescheidener Mann, war Don Samuel bekannt dafür, dass er auf einem  Maulesel  die Bergdörfer besuchte, und er war beliebt, weil er vier mayanische Dialekte sprechen konnte. Gleichzeitig war er ein Dorn im Fleisch der regionalen Landbesitzer. 1994, als ein bewaffneter Aufruhr der Zapatistas die Scheinwerfer der weltweiten Medien auf Chiapas richteten, nannte man ihn einen Anstifter des Klassenhasses.

Tatsächlich aber war Don Samuel ein Friedensstifter – später sogar von der Regierung selbst als solcher anerkannt, als sie ihn um Hilfe bat, den Konflikt mit den Rebellen zu klären. So wirkte er einige Jahre als Schlichter und war wesentlich daran beteiligt, eine gewaltfreie Lösung zu finden.

Zum Zeitpunkt seines Todes am 24. Januar war er von zumindest fünf anderen wohlbekannten Preisträgern für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Auch wurde er von keinem  Geringeren als Mexikos Präsident Felipe Calderon geehrt, der sagte, sein Tod sei „ein großer Verlust für das Land“, und von der amerikanischen Außenministerin Hillary Clinton, die sagte, man solle „sein Erbe ehren und seinem Beispiel folgen“.

Der Bischof würde darüber gelächelt haben.  Als Freund Oscar Romeros wusste er, dass der Weg des Friedens einerseits Ehre einbringen, aber auch einsam und gefährlich sein kann.

Ich traf Don Samuel am 10. Dezember 1997, nur einige Woche nach diesen Ereignissen. Ich reiste mit meiner Frau und einigen anderen Mitgliedern unserer Gemeinschaft aus dem Staat New York, und ich werde die Stunden nie vergessen, in denen wir zusammen sprachen. Wir fühlten uns ihm wirklich so nahe und durch sein Verständnis vom Evangelium herausgefordert, dass wir zu seinen Gunsten einen Brief an Papst Johannes Paul II. schrieben und ihm später noch zwei Delegationen schickten, um Zeit mit ihm zu verbringen.

Don Samuel zu treffen bedeutete wirklich, einem Mann Gottes zu begegnen – einem Mann, der zugab, dass er sich diesen Job nicht ausgesucht hatte, sondern dass seine Kirche ihn an diesen Platz stellte und verlangte, dass er die ihm gegebene Aufgabe erfülle. Auch hatte er einen Sinn für Humor, wie er uns erzählte, „ich bin hier runter gekommen um die Menschen zu bekehren, aber in Wirklichkeit haben sie mich bekehrt…. Wir sind so gesegnet in Chiapas, weil Jesus in den Armen um uns ist“. 

Da ich einer Friedenskirche angehöre, die jede Form von Gewalt ablehnt, fragte ich Bischof Ruiz was er darüber denke, „Religion mit Politik zu vermischen“. Er versicherte mir, dass er immer nur versucht habe, auf den Schrei der Armen zu hören und ihnen zu antworten, wie Jesus es uns gelehrt hat. „Wenn wir Christus in den Armen sehen,“ sagte er, „und mit ihnen für das gemeinsame Wohlergehen der Gesellschaft wirken, dann tun wir Gottes Werk.“ Wenn wir andererseits unsere Augen von jeder Unterdrückung abwenden, dann nehmen wir „Teil an einer Gesellschaft, die das Gegenteil ist vom Reich Gottes“.

Das war kurz und bündig die „Theologie“ Don Samuels. Er wusste, dass, wenn alles gesagt und getan ist, es nur dann Frieden gibt, wenn der Gerechtigkeit Bahn gebrochen wird. Wie es im Jakobusbrief heißt: „Was nützt es, meine Brüder und Schwestern, wenn einer sagt, er habe Glauben, aber es fehlen die Werke? Kann etwa der Glaube ihn retten? Wenn ein Bruder oder eine Schwester ohne Kleidung ist und ohne das tägliche Brot und einer von euch zu ihnen sagt: Geht in Frieden, wärmt und sättigt euch!, ihr gebt ihnen aber nicht, was sie zum Leben brauchen – was nützt das?“

Don Samuel beantwortete diese Frage mit seinem Leben. Ich möchte noch einiges weitergeben, was er mir bei unserem Treffen sagte:

Das Königreich Gottes ist das Königreich des Friedens, aber  auch das Königreich der Gerechtigkeit, Wahrheit und Liebe. Deshalb verlangt echter Friede eine völlig neue Sozialordnung….. , deshalb verlangt er ein neues brüderliches Verhältnis unter allen Menschen.

Christus sagte, dass er Frieden brachte „nicht wie die Welt gibt“ – er brachte einen anderen Frieden. In der heutigen Gesellschaft kann dieser Friede nur auf dem Fundament der Gerechtigkeit erreicht werden. Deshalb verlangt Jesus von uns, den Armen und Unterdrückten, den Gefangenen und den Kranken beizustehen. Deshalb sagt er, „Gesegnet sind die Friedensstifter“.

Friede ist ein Geschenk von Gott. Christus sagt, „Ich gebe ihn euch“. Aber er ist auch eine Aufgabe; er ist Arbeit. Es ist keine Frage der Lehre, sondern der Tat… Am Ende werde ich nicht gefragt werden, ob ich Fehler gemacht habe. Ich werde gefragt werden, ob ich meinen Bruder geliebt habe oder nicht.

Don Samuel hat uns verlassen. Er hat den guten Kampf gekämpft und wird bestimmt den Segen empfangen, der den Friedensstiftern verheißen ist. Aber für dich und mich bleibt die Herausforderung, denn die Frage der Nächstenliebe kann man nicht mit Worten oder guten Vorsätzen beantworten. Sie muss mit Taten beantwortet werden – heute und jeden Tag.

 


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The writer with Bishop Samuel Ruiz Garcia

Im Dezember 1997 besuchte eine Bruderhof-Delegation zusammen mit Johann Christoph Arnold Bischof Ruiz in San Cristobal/Mexiko. Die folgenden Videos sind Ausschnitte ihrer Gespräche.

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Bischof Ruiz über Frieden

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Bischof Ruiz über soziale Gerechtigkeit

 

 

 

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